The Golden Sufi Center

Heilige Ökologie - Die Geschichte verändern

von Llewellyn Vaughan-Lee

"Der einzige Weg, die Welt zu verändern, ist die Geschichte zu verändern"


Wir kennen nur zu gut die Geschichte, die unsere heutige Welt bestimmt. Es ist die Geschichte von Konsumwahn und Gier, in Gang gehalten vom leeren, aber verführerischen Versprechen eines nie versiegenden Stroms von "Zeug" als die Quelle unseres Glücks und Wohlergehens. Wir kommen endlich dahin, das Modell eines stetigen wirtschaftlichen Wachstums, auf dem dieses Versprechen basiert, als einen nicht länger tragbaren Mythos zu entlarven und die damit verbundene Unterjochung der Natur als Schändung wahrzunehmen. Überall um uns herum sehen wir inzwischen die Verwüstungen, die das rückhaltlose Einlassen unserer Kultur auf dieses Ammenmärchen nach sich zieht: eine wunderschöne Welt – zerstört und am Sterben, dabei zu einer verseuchten Ödnis zu werden.

Wir verstehen vielleicht sogar, wie diese heutige Geschichte auf einer älteren aufbaut, die vor vielen Jahrhunderten mit der Ausbreitung des Monotheismus Fuß fasste, die Geschichte von einem Gott, der sich in den Himmel zurückzog, um abgeschieden und von hoch droben über eine Welt zu herrschen, die von da an ihrer Göttlichkeit und natürlichen Magie beraubt war. Das ist die Geschichte von einer Welt, in der der Geist nicht mehr in der Materie wohnt und das ganze Erd-Reich weiblicher Kraft derart unterdrückt ist, dass man fast gar nichts mehr davon weiß. Und diese Geschichte wirkt noch immer und nährt unsere derzeitige Geschichte. Es war und ist eine Geschichte der Herrschaft und patriarchalischen Macht, fest bewahrt in den noch immer einflussreichen Mythen der monotheistischen Religionen.

Viele von uns sehnen sich nach einer neuen Geschichte, nach einer, die der Erde ihre verloren gegangene Göttlichkeit zurückgibt und unsere Seelen wieder mit dem Heiligen in der Schöpfung verbindet, nach einer Geschichte, die unseren Planeten retten wird. Einige haben bereits angefangen, eine solche Geschichte zu formulieren: eine wunderbare und überzeugende Sicht vom gesamten Universum als einem einzigen ineinander verwobenen, wechselseitig verbundenen, lebendigen Ganzen, das jedem von uns in seinem individuellen Alltag einen Sinn verleiht, der dem Verständnis unseres Platzes im Gesamt entspringt. (1) Doch reicht das aus? Wie ändern wir die unsere Welt bestimmende Geschichte? Unsere kollektive Kultur feiert ihre Geschichte der endlosen Sehnsüchte. Sie füttert uns mit ihren Idolen, die, obwohl sie uns niemals nähren können, wie eine Droge für unseren Geist und unseren Körper wirken, auch wenn sie uns und die Erde ausbeuten. Wir sind Süchtige geworden, abhängig vom materiellen Wohlstand und getrieben von egozentrischer Gier. Wir sehnen uns nach einer Geschichte, die unserem Leben Sinn gibt und uns das Wohlergehen und die Schönheit unseres Planeten zurückschenkt, aber wir bleiben in unserer Geschichte der Verherrlichung von Zeug gefangen.

Erst wenn uns deutlich wird, wie sehr uns diese Geschichten verlocken, verführen und versklavt halten, können wir ein Gefühl für ihre Macht bekommen. Sie sind nicht einfach nur Schlagworte, entworfen von Politikern, Konzernen oder sogar Religionen, sondern sie entstammen der archetypischen inneren Welt, wo die Mythen geboren werden. Wir können die archetypischen Dimensionen in älteren Mythen erkennen, wie zum Beispiel die Götter und Göttinnen früherer Perioden, und manche sehen sie auch in dem jüngeren Mythos eines patriarchalischen transzendenten Gottes, der in einem fernen Himmel wohnt. Die archetypische Macht des gegenwärtigen Mythos des Materialismus ist schwerer zu erkennen, weil er so trügerisch wie auch verführerisch ist. Und doch kann man, schaut man genauer hin, auch hier die Archetypen am Werk sehen. Da gibt es den patriarchalischen Mythos der Unterwerfung der Natur – ein urmännlicher Machttrieb. Nicht so offensichtlich dagegen ist die Weise, wie die dunkle Seite des abgelehnten Weiblichen uns in ihrem Netz der Sehnsüchte gefangen genommen hat. Denn was ist Materialismus anderes als die Anbetung der Materie, die doch nichts anderes ist als das Reich der Großen Göttin? Wir sind viel stärker in der archetypischen Welt gegenwärtig, als wir uns das einzugestehen wagen.

Und jetzt reden wir in unserem Streben, die Zivilisation und den Planeten zu retten, über die Notwendigkeit einer neuen Geschichte, und zwar einer, die den Geist wieder in die Schöpfung zurückbringt und die ursprüngliche Einheit ehrt, die das Netz des Lebens ist. Diese neue Geschichte mag, wie unsere jetzige, auf einer früheren aufbauen: auf einer Geschichte, in der alles in der Schöpfung als heilig betrachtet wurde und die Menschheit einfach nur Teil dieses Knüpfteppich des Lebens war – eine Geschichte, die noch von vielen indigenen Völkern gelebt wird. Aber diese aufkeimende Geschichte ist auch eine evolutionäre, die ebenso die Erkenntnisse der Quantenphysik in Bezug auf die zugrunde liegende Schöpfung hineinholt, um ihr Bild von der Welt als miteinander verwobenes Ganzes auszudrücken, in der, ähnlich wie in dem symbolischen Bild von Indras Netz, jeder Teil das Ganze beeinflusst. Und diese neue Geschichte der Schöpfung verbindet das kleinste Teilchen mit einem sich stetig ausdehnenden Kosmos mit Milliarden von Galaxien – und sie tut es in einer die Naturwissenschaften und das Heilige zusammenführende Weise, indem sie beide als jeweiligen Ausdruck für ein und dieselbe Wirklichkeit versteht.

Das ist eine schlüssige Geschichte für unsere Zeit. Aber sehen wir, von wo diese neue Geschichte auftaucht? Anerkennen und ehren wir die innere Dimension, aus der all solche die Welt verändernden Geschichten geboren werden? Wir wissen, wie lebenswichtig eine neue Geschichte ist, aber wir versuchen das Leben zu verändern, ohne die wirkenden archetypischen Kräfte zu respektieren – die Götter und Göttinnen, die noch immer in den Tiefen der Schöpfung herrschen – , ohne die urewige Welt, die die innere Quelle des Lebens ist, zu würdigen. Wird eine Geschichte nicht aus der inneren Welt geboren, fehlt ihr die Kraft, eine wirkliche Wende herbeizuführen. (2) Sie spricht dann lediglich zu unserem bewussten Selbst, der oberflächlichen Schicht unseres Wesens, statt uns von den Tiefen her zu ergreifen. Die Geschichten der Vergangenheit, die die Menschheit formenden Mythen, wandten sich an unsere individuelle und kollektive Seele mit der tief aus dem Inneren kommenden numinosen und transformativen Kraft. Wie viele Männer wurden vom Archetypus des Kriegers oder Helden in die Schlacht gerufen? Wie viele Kirchen wurden auf der Grundlage des Mythos der Erlösung errichtet? Die Macht der archetypischen, mythischen Welt gehört zu den Flussbetten des Lebens, die die Menschheit formen.

Doch traurigerweise hat sich unsere derzeitige Kultur von dieser inneren Welt entfernt. Uns wird nicht beigebracht, diese grundlegenden Kräfte zu ehren, und wir wissen auch nicht, wie wir mit ihnen in Beziehung treten können. Unser heutiges Bewusstsein weiß kaum mehr von ihrer Existenz. Wir leben auf der Oberfläche des Daseins und haben keine Ahnung von den Tiefen, die in Wahrheit die eigentlich bestimmenden Faktoren sind. Welche Leute wissen schon, dass sie, wenn sie ins Einkaufszentrum gehen, die dunkle Göttin an ihrem Altar anbeten?

Als unsere christliche Kultur die vielen Götter und Göttinnen verbannte und als dann die Wissenschaft verkündete, dass die Mythen nutzlose Phantasien wären, sind wir dadurch stärker eingeschränkt worden, als uns das klar ist. Die archetypische Welt verschwindet jedoch nicht, bloß weil wir die Augen schließen, bloß weil wir sagen, es gibt sie nicht. Ihre Macht verringert sich nicht durch unsere Unwissenheit oder unsere Arroganz. Doch wir haben vergessen, wie wir Zugang zu dieser Macht bekommen und wie wir mit ihr arbeiten können. Nichtsahnend haben wir uns selbst grundlegend entmachtet. Wir haben die Tür zu unserer Psyche und unserer Seele geschlossen – wir können nur noch nach außen schauen.

Und jetzt, da es lebensnotwendig ist, die Geschichte, die unser Leben bestimmt, neu zu schreiben, haben wir nichts weiter als die ungeeigneten Instrumente unseres Ichbewusstseins. Wir wissen nicht, wie wir die Energien aus den Tiefen einladen und die Kräfte konstellieren sollen, die wir brauchen, um eine wirkliche Geschichte mitzuerschaffen. Wir haben unser Selbst von der Energie der Quelle des Lebens abgeschottet, die wir so dringend nötig brauchen. So bleiben wir gestrandet an den Ufern unseres bewussten Ichs.

Es gibt eine neue Geschichte, die darauf wartet, geboren zu werden, die darauf wartet, den Planeten zu retten und unsere Seelen zu nähren. Es ist eine Geschichte einer Einheit, die die Vielfalt der Schöpfung in einem sich selbsterhaltenden Ganzen enthält, eine Geschichte, die die Magie in die Natur zurückbringen kann, die für die Heilung unseres zerstörten Planeten unentbehrlich ist. Wir können es in der Wiederkehr der Göttin Gaia spüren, deren archetypische Energie und Numinosität von der Welt als lebendigem Wesen erzählen. Ihr Bild und das Gefühl einer beseelten Erde haben wieder Einzug ins westliche Bewusstsein gehalten und werden immer präsenter. (3)

Das ist eine neue Geschichte, die von tief her in der Menschheitspsyche und in der Weltseele zu diesem Zeitpunkt in unserer und ihrer Evolution aufsteigt. Sie umfasst sowohl das Mysterium des Lebens als auch die Erkenntnis der Wissenschaft. Es ist eine Geschichte der Zusammenarbeit statt der Konkurrenz oder des Konflikts. Wir allein sind nicht die Schöpfer dieser Geschichte, denn es ist die Geschichte des sich entwickelnden, sich neu erschaffenden Lebens, doch wir werden gebraucht, Geburtshilfe zu leisten, damit sie in die Existenz kommt. Wie bei allen Geburten muss sie von der inneren Welt in die äußere gelangen.

Schon immer hatte das menschliche Bewusstsein die Fähigkeit, die innere und die äußere Welt zu verbinden. Das ist seit langer Zeit die Aufgabe der Schamanen, Poeten, Künstler und Mystiker. Sie sind die Visionäre der Seele, die diesen Faden für die Menschheit halten, die gerufen worden sind, in den Tiefen zu arbeiten und deren geheimnisvolles und machtvolles Wunder unserem kollektiven Bewusstsein näher zu bringen. Und jetzt, da die Welt stirbt und darauf wartet, wiedergeboren zu werden, fleht sie all die an, die für diese innere Dimension wach sind und die Verbindung zwischen den Welten herstellen können. Wie der Psychologe, Visionär und Gnostiker C.G. Jung sagte: "Die Welt heute hängt an einem dünnen Faden, und dieser Faden ist die Psyche des Menschen."

Nur wenn wir den inneren Ursprung dieser die Welt verändernden Geschichte erkennen, sind wir fähig, bei dieser Geburt mitzuwirken. Nur wenn wir mit der symbolischen, archetypischen Welt zusammenarbeiten, vermögen ihre Kraft und Numinosität in unser Dasein zu treten und zur ganzen Menschheit zu sprechen. Nur dann wird diese Geschichte gehört werden. Wir können uns keine Totgeburt neuer Ideen leisten, denen die Lebenskraft fehlt, die aus den Tiefen kommt. Wir sind aufgefordert, zur Wurzel unseres Seins zurückzukehren, wo das Heilige geboren wird. Dann, wenn wir in beiden Welten - der inneren sowohl wie der äußeren Welt - stehen, werden wir entdecken, wie wir Teil der bedeutsamen Synchronizität sind, in der das Leben sich selbst gebiert.

 

golde line

Fussnote
(1) 1. Der kürzlich erschienene Artikel von David Korten "Religion, Science and Spirit. A Sacred Story for Our Time" (http://www.yesmagazine.org) ist eine sehr klare Beschreibung dieser neu auftauchenden Geschichte.

(2) Thomas Berry deutet das in seinem Vortrag an "The Ecozoic Era" (Die ökozoische Ära) erschienen in Eleventh Annual E.F. Schumacher Lectures, October 1991. Er spricht von einer "schöpferischen Trance" wie auch von "psychischen Energien", die für eine Transformation gebraucht werden: "Mein Bemühen hier geht dahin, die Umrisse einer neuen mythischen Form aufzuzeigen, die eine kreative Trance bewirken kann, damit die zerstörerische Trance abgelöst wird, die in den letzten Jahrhunderten von der westlichen Seele Besitz ergriffen hat. Wir können einer Trance nur eine andere Trance entgegensetzen, eine Art Gegenzauber. Nur so können wir die Vision wie auch die psychischen Energien ins Leben rufen, die nötig sind, damit die Erdengemeinschaft erfolgreich in die nächste große schöpferische Phase einzutreten vermag." 3. siehe Jules Cashford, Gaia (erschienen bei der Gaia Foundation)