The Golden Sufi Center

Das Licht des Herzen


Llewellyn Vaughan-Lee


Die Sonne des Lichts ist im Herzen aufgegangen.
Sie scheint, und es gibt keinen Untergang.

— AL HAKÎM AT'-TIRMIDHÎ(1)


DAS SPIRITUELLE WISSEN DES HERZENS

Wir haben das Wissen und die Kraft in uns, die wir für die individuelle und globale Transformation brauchen. Das Zentrum dieses Wandlung bringenden Bewusstseins befindet sich im Herzen. Wollen wir unser mystisches Potenzial leben und in dieser Zeit des Übergangs in vollem Umfang mitwirken, müssen wir uns auf die mystische Wissenschaft vom Herzen verstehen. Dann können wir lernen, dieses spirituelle Organ als Mittel für Heilung und Erwachen auf globaler Ebene einzusetzen.

Das menschliche Herz ist ein multidimensionales Organ des spirituellen Gewahrseins und des Lichts. Und da der Mensch ein Mikrokosmos der gesamten Schöpfung ist, hat auch die Welt ein Herz des spirituellen Gewahrseins und des Lichts. Im innersten Kern ist das menschliche Herz eins mit dem Herzen der Welt und macht so den Einzelnen zum Tor zur Liebe und zum göttlichen Geheimnis des Ganzen. Betreten wir die Kammern unseres eigenen Herzens, bekommen wir Zugang zum göttlichen Bewusstsein der Welt und können damit arbeiten.

Die Mysterien der Liebe, die Wissenschaft vom Herzen, wurden über die Jahrhunderte durch die esoterischen Lehren verschiedener mystischer Traditionen vermittelt. Besonders der Sufismus hat eingehende Studien zum Menschenherzen und dessen spiritueller Natur betrieben, wobei der Schwerpunkt darauf lag, in wie weit die einzelnen spirituellen Organe innerhalb des Herzens den Reisenden transformieren und erwecken und so zu einem umfassenderen spirituellen Gewahrsein, einem tieferen Eintauchen in das göttliche Licht der Einswerdung, führen. Wanderer auf dem Sufi-Pfad haben die Reise in die inneren Welten kartographiert, indem sie aufzeigen, wie das Erwecken der spirituellen Zentren des Herzens das Bewusstsein des Suchers erweitert. Sie beschreiben, wie schließlich in der innersten Kammer—dem Herz der Herzen—der Liebende mit dem Göttlichen verschmilzt und so die mystische Reise von der Trennung zur Einheit vollendet.

Der Großteil dieser Einsichten über das spirituelle Organ des Herzens konzentriert sich auf die innere Reise des Wanderers. Es gibt jedoch eine andere Dimension der Wissenschaft des Herzens, die bisher geheim gehalten worden ist. Dabei geht es darum, wie das Herz des Einzelnen spirituell mit der Gesamtheit des Lebens interagieren kann. Indem wir in eine neue Ära des Bewusstseins eintreten, werden diese Geheimnisse für unsere wachsende Erkenntnis zugänglich, und uns erschließt sich spezifisches Wissen darüber, in welcher Beziehung der Einzelne zum Ganzen steht und wie das Innere und das Äußere zusammenhängen. Im Herzen sind all die unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit miteinander verbunden; das Innere fließt direkt ins Äußere.

Entscheidend für diese neue Dimension unseres Bewusstseins ist die Einsicht, wie sehr der Mensch ein Mikrokosmos des Ganzen ist. Beginnen wir diese Beziehung zu erfassen, wird sich unser Verständnis vom spirituellen Leben und was es heißt, sich zur Verfügung zu stellen, verändern. Ebenso werden wir eine andere Wahrnehmung dafür bekommen, wie das normale Leben und das spirituelle Leben miteinander in Verbindung stehen und wie die innere Welt die äußere nährt. Doch damit dieser Schritt im Bewusstsein möglich wird, müssen wir erst einmal unseren Fokus von unserer eigenen, individuellen Reise abwenden und für ein größeres Entfalten empfänglich werden.


DER EINZELNE MENSCH ALS MIKROKOSMOS

Dieses Wissen der anbrechenden Ära zeigt auf, wie der Einzelne als Mikrokosmos des Ganzen fungiert und wie das Herz als direkter spiritueller Mittler zwischen einem Individuum und dem Ganzen dient. Die Schlüsselrolle des Menschen als Mikrokosmos der Schöpfung findet sich in der westlichen Spiritualität bereits in der Tradition der Alchemie. Für die Alchemisten ist der Mensch „ein Abbild der großen Welt und wird als der Mikrokosmos der kleinen Welt bezeichnet.“(2)

Im Sufismus heißt es, dass jeder Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen“ ist. Ibn Arabî erläutert wie das hadith „Gott schuf Adam nach Seinem Bilde“ sowohl für den großen Adam gilt, der der Kosmos in seiner Gesamtheit ist, wie auch für den kleinen Adam, der der Mensch und der Mikrokosmos ist. Er führt aus:

„’ER gab in den Menschen jede Seiner Eigenschaften ebenso wie Er all Seine Eigenschaften in den Kosmos gab’. Und die drei grundlegenden Welten des Makrokosmos—die spirituelle, die imaginale und die dingliche—sind im Menschen durch den Geist (rûh), die Psyche-Seele (nafs) und den Körper (jism) repräsentiert.“(3)

Zur esoterischen Bedeutung der Beziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos gehört, auf welche Weise die spirituellen Zentren im einzelnen Menschen dem Gesamt der Schöpfung mit ihrem spirituellen wie auch physischen Körper entsprechen. Deshalb müssen wir, wollen wir die Beziehung von Mikrokosmos und Makrokosmos erforschen, erst einmal anerkennen, dass unser Planet in seiner Gesamtheit ein im Bilde Gottes geschaffener lebendiger spiritueller Körper ist. Dann können wir die Beziehung von Mikrokosmos und Makrokosmos dahingehend verstehen, dass sie nicht allein der äußeren, physischen Welt zugeordnet werden darf, sondern all die spirituellen Welten, all die inneren Dimensionen umfasst. Und wir können sehen, wie die spirituellen Zentren des einzelnen Menschen, insbesondere das Herz mit seinen Kammern, wesentlich für diese Beziehung sind.

Das Herz ist ein Tor zwischen verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit, und es existiert in der physischen Welt wie auch in dem Reich des Reinen Seins und der Absoluten Wahrheit. Das Herz eines erwachten Menschen hat unmittelbaren Zugang zum Herzen der Welt. Wir können jedoch diese Verbindung, diese Wesensverwandtschaft, nicht in Anspruch nehmen, solange wir davon ausgehen, wir seien vom Gesamt der Schöpfung getrennt. Erst wenn wir die Einheit erkennen, von der wir alle Teil sind, kann diese Verbindung lebendig werden und das Herz als ein dynamisches spirituelles Zentrum wirken, in dem verschiedene Ebenen der Wirklichkeit aufeinander eingeschwungen werden.

Dieser Zusammenschluss ermöglicht dem Einzelnen, auf dieselbe Weise das Ganze zu beeinflussen, wie das Herz auf den gesamten Menschen einwirkt. Wenn wir Seine Liebe in unserem Herzen fühlen, freut sich der ganze Körper. Nichts ist ausgeschlossen, weil der ganze Mensch direkt von der reinen Substanz göttlicher Liebe genährt wird. Sobald wir die Entsprechung zwischen dem Herzen eines Individuums und dem Herzen der Welt erfassen, offenbaren sich uns die Geheimnisse, wie die Erwachten, die Mystiker, unmittelbar auf das Gesamt des Lebens einwirken können und wie diese Verbindung der Herzen zum Wohl des Lebens zu nutzen ist.


DIE KAMMERN DES HERZENS

Das Herz ist das spirituelle Zentrum des Menschen. Es ist das Heim des Höheren Selbst, unserer göttlichen Natur. „Diese Person im Herzen, nicht größer als ein Daumen, ist bekannt als der Erschaffer von Vergangenheit und Zukunft … Das ist das Selbst.“(4)

Als Wohnstätte des wahren Selbst ist das Herz der Ort, an dem sich unser spirituelles Leben entfaltet, an dem wir uns zur inneren Wirklichkeit des Lebens öffnen und den wahren Sinn der äußeren Welt erkennen. Und Mikrokosmos und Makrokosmos treffen sich ebenfalls im Herzen. Durch das Herz können wir die grenzenlose Natur unseres wahren Selbst erfahren, das sowohl individuell als auch universal ist. Das Selbst ist das Ganze, und deshalb haben wir im Herzen Zugang zum Ganzen.

Das Herz ist auch der Ort, an dem die Energiestruktur des Planeten und die Energiestruktur oder der spirituelle Körper eines Menschen unmittelbar zusammentreffen. Über das Herz haben wir die Möglichkeit, am wirkungsvollsten mit dem spirituellen Körper unseres Planeten zu arbeiten, so wie wir durch unser Herz am besten mit unserem eigenen spirituellen Körper arbeiten können.

Wie geschieht diese Arbeit über das Herz, die dem Ganzen zugute kommt? Wie können wir das Herz dafür einsetzen, die spirituelle Evolution unseres Planeten zu unterstützen? Für den Sufi ist die einfachste Antwort: Liebe. Bedingungslose Liebe führt uns ins Herz, wo sie unser spirituelles Selbst aktiviert, das uns und die Welt um uns herum transformiert.

Es gibt, wie einige Sufi-Schulen erforscht haben, verschiedene Kammern oder spirituelle Zentren innerhalb des Herzens, wobei jedes Zentrum jeweils mit unterschiedlichen Dimensionen der inneren Welt und unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseins in Zusammenhang steht.

Bereits im 9. Jahrhundert schrieb al-Hakîm-at-Tirmidhî das Traktat über das Herz, in dem er vier verschiedenen Kammern des Herzens nennt: die Brust (sadr), das Herz (qalb), das innere Herz (fu’âd) und das innerste Herz, der Universale Intellekt (lubb). At-Tirmidhî führt die verschiedenen Eigenschaften spiritueller Erkenntnis auf—die verschiedenen Lichter, die zu den jeweiligen Kammern gehören. So heißt es über die innerste Kammer, dass sie „das Licht der Einswerdung und das Licht der Kontemplation der Einzigkeit Gottes“(5) berge.

Jahrhunderte hindurch haben sich die Sufis in ihren Lehren mit der verborgenen Natur des spirituellen Herzens auseinandergesetzt und ergründet, welche Rolle das Herz in der spirituellen Entwicklung eines Menschen spielt. Im 9. Jahrhundert schuf Junaid den Begriff von den latâ’if oder feinstofflichen spirituellen Zentren oder Organen der Erkenntnis innerhalb des Herzens.(6) Später entwarfen dann Sufi-Meister ein Modell von den latâ’if als den sieben oder zehn subtilen Zentren oder Rezeptoren für die aus feineren Bereichen stammende göttliche Energie.(7) Wie die spirituelle Wissenschaft von den latâ’if darlegt, korrespondieren diese verschiedenen Zentren im Herzen mit verschiedenen Dimensionen der inneren Welt. Indem der Reisende ein bestimmtes Zentrum oder latîfah aktiviert, kann er in das dazugehörige innere Reich reisen.

Die Sufi-Meister entwickelten Übungen und Meditationen für die Arbeit mit der Energie des Herzens, wobei sie unterschiedliche dhikr und Meditationen für die jeweiligen latâ’if verwendeten. Üblicherweise kann der Schüler dann im Laufe seines spirituellen Lebens allmählich von einer Stufe zur nächsten gelangen, wobei ihm jedes latîfah eine jeweils andere Ebene der Wirklichkeit mit dem entsprechenden Licht und der entsprechenden spirituellen Energie erschließt.

Auf jeder Stufe gehört es zur Entwicklung des Reisenden, den Umgang mit der entsprechenden Energie zu erlernen, damit sie ungehindert durch ihn hindurchfließt und Licht und Liebe dahin gelangen, wo sie für seine Entfaltung notwendig sind. Schließlich lösen sich auf der Ebene der Einswerdung alle Unterscheidungen zwischen Liebendem und Geliebten auf, und es bleibt nur noch Sein Licht, das durch den Menschen scheint. Das ist die vollständige Verwirklichung der Aussage, dass wir „im Bilde Gottes geschaffen“ sind. Alles ist Er.


EINE NEUE SICHT DES PFADES

Dem Wanderer erscheint es, als würde er über verschiedene Stufen, die seinen spirituellen Fortschritt kennzeichnen, tiefer und tiefer in die Liebe, ins Herz, reisen. Und doch wissen wir, dass dies nur eine begrenzte Perspektive darstellt, denn die wahre Beschaffenheit des Pfades ist keine Reise in Etappen, sondern ein kontinuierliches sich Entfalten der Liebe, das Augenblick für Augenblick innerhalb und außerhalb der Zeit geschieht. Bâyezîd Bistâmî, der große Sufi-Mystiker aus dem 9. Jahrhundert, erfuhr diese umfassendere Sicht:

„Am Anfang täuschte ich mich in vierfacher Hinsicht. Ich trachtete ganz und gar danach, Gott zu gedenken, Ihn zu erkennen, Ihn zu lieben, Ihn zu finden. Als ich da angelangt war, sah ich, dass Er sich meiner erinnert hatte, bevor ich Ihn erinnert habe, dass Seine Kenntnis von mir meiner Kenntnis von Ihm vorausgegangen war, dass Seine Liebe zu mir vor meiner Liebe zu Ihm bestanden hatte, und Er mich gesucht hatte, bevor ich ihn gesucht habe.“

Wenn wir das Göttliche im Kern des spirituellen Lebens erfahren, taucht ein völlig anderes Bild auf. Dann gibt es keine „Reise“, denn die Erkenntnis ist, dass es nicht um uns geht—es geht nicht um den Wanderer, sondern um eine fortwährende Offenbarung Seiner Liebe. Seine Liebe ist immer vollständig da, und doch wird sie beständig in den Herzen derer enthüllt, die Ihn lieben.

Die Gefahr ist immer, das spirituelle Leben durch das Bild, das wir uns davon geschaffen haben, festzulegen. Oft erkennt der Wanderer am Ende seiner „Reise“ die Wahrheit, dass es gar keine Reise gibt, weil es nichts gibt, wohin man gehen könnte. Das Göttliche ist nicht verschieden von uns—das ist die Wahrheit, wie sie in der Parabel von den Fischen, die nach dem Wasser suchen, veranschaulicht wird. Dann fallen alle Konzepte vom spirituellen Leben weg, und stattdessen kommt es zu einem wachsenden Eintauchen in Seine Einheit und auch in die Leere, die der Schöpfung zugrunde liegt.

Oft sehen sich die Mystiker mit der Schwierigkeit konfrontiert, ein Verständnis von dieser Wirklichkeit „zurückzubringen“, weshalb viele Liebende das Schweigen vorziehen. In der Naqshbandi-Lehre von den latâ’if kehrt der Wanderer jedoch nach der Erfahrung des Allerverborgensten (akhfâ), dem göttlichen Licht der Wahrheit, zu dem latîfa der nafs, dem niederen Selbst, und den anderen latâ’if, die mit der Welt der Schöpfung in Verbindung stehen—Luft (bâd), Feuer (nâr), Wasser () und Erde (khâk)—zurück. Die Naqshbandi haben immer die Wichtigkeit der Rückkehr in die Welt der Formen betont, nachdem man im Formlosen eingetaucht war.

Die Fähigkeit der Mystiker, über die Form hinauszugehen und dann wieder zur bedingten Welt zurückzukehren, erlaubt ihnen auf eine Weise zu leben, die dynamisch lebendig für den Augenblick ist, statt in einem Bild gefangen zu sein, das der Vergangenheit angehört. Nicht mit der Form identifiziert, halten die Mystiker die Tore der Offenbarung auf und wissen, dass, wie es Abû Tâlib al-Makkî ausdrückt: „Gott sich niemals zwei Menschen auf dieselbe Weise oder zweimal in derselben Form enthüllt.“(8) Es gehört zum Beitrag der Mystiker, also jener, die ins Formlose gereist sind, die Menschheit an die unbestimmbare Natur des Göttlichen zu erinnern und einen Ort des Gedenkens zu halten, der Ihn in keinerlei Form und mit keinem Namen festlegt.

In einer Zeit, die sich mit der Entwicklung des Einzelnen und insbesondere mit der Entwicklung des individuellen Bewusstseins befasst hat, spiegelten die Bilder vom Pfad diese Sicht wider: Der einzelne Wanderer reist in Richtung zu einem erweiterten spirituellen Bewusstsein. Doch wir kommen in eine neue Ära, in der uns die modernen Naturwissenschaften wie die Quantenphysik und die Ökologie Bilder einer dynamischen interdependenten, also sich gegenseitig bedingenden Wirklichkeit liefern, die unser Gefühl des Getrenntseins als Illusion entlarven. Jetzt geht es um das zusammenschließende Prinzip der Einheit und darum, wie der Einzelne am Ganzen mitwirken kann. Auf diesem Feld kann die spirituelle Wissenschaft ihre Kenntnisse von den miteinander in Beziehung stehenden Kräften der Einheit und von der Weise, wie Energie in den inneren Welten funktioniert, beitragen. Das Herz als Organ der unmittelbaren Erkenntnis und des Bewusstseins der Einheit wird bei diesem sich entwickelnden Bewusstsein eine zentrale Rolle spielen.


DIE WELT NÄHREN

Es gibt eine mystische Lehre darüber, wie das Herz eines erwachten Menschen auf die Energiestruktur des Planeten eingeschwungen und benutzt werden kann, das Leben zu erwecken und zu nähren. Obwohl es so aussieht, als sei die mystische Reise eine Abkehr von der Welt, nimmt sie sich in Wirklichkeit des Lebens in seiner innersten Essenz an. Die Mystiker können aus dieser zentralen Position heraus direkt daran mitwirken, das Leben zu verändern und ihm bei seiner Entfaltung zu helfen. Sie haben schon immer diese Rolle innegehabt, doch Jahrtausende lang ist dies im Geheimen geschehen, verborgen sogar vor den spirituell Praktizierenden.

Das Herz befindet sich im Zentrum des Menschen und von daher im Zentrum des Lebens. Weil das Herz ein Mikrokosmos des Ganzen ist, kann es unmittelbar zur Seele der Welt sprechen. Es kann behilflich sein, den Schutt fortzuräumen, der die Welt bedeckt, und dazu beitragen, die Welt durch die Liebe zu reinigen, auf dass sie heller und strahlender leuchtet. Ein erwachtes Herz kann dafür eingesetzt werden, das Leben von negativen Mustern und Einstellungen zu befreien.

Diese Lehre basiert darauf, dass das Herz naturgemäß auf der Ebene der Einheit, in der Dimension des wahren Selbst arbeitet. In dieser Dimension der Einheit, zu der wir über das Herz Zugang bekommen, ist alles in jedem Augenblick gegenwärtig, und es gibt dort keine Begrenzungen durch Zeit und Raum. Das bedeutet, dass wir im Herzen frei sind, an dem Ort zu sein, an dem wir gebraucht werden. Die Liebe fließt dann unmittelbar von der Quelle, und unser inneres Licht kann direkt und unbeeinträchtigt von der Dunkelheit der physischen Welt dahin gehen, wo es dem Leben in den inneren und äußeren Welten dient. Dieses Potenzial kommt in den spirituellen Übungen zur globalen Heilung zum Tragen, bei denen man die ganze Welt in sein Herz nimmt und sie dort mit Licht und Liebe nährt. Wenn es nötig ist, kann man dann noch seine Aufmerksamkeit und Liebe ganz bewusst zu den Orten der Dunkelheit und des Leids lenken.

Begreifen wir diese Beziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos innerhalb der Einheit des Lebens, wird sichtbar, welchen Schmerz wir mit unserem Gottvergessen, unseren Einstellungen und Handlungen der Seele der Welt zugefügt haben. Wir haben die inneren Strukturen aus Licht und Liebe, die unseren Planeten nähren, zerstört und dunkle Wolken in den inneren Welten verursacht, die das Licht vor uns verbergen. Unsere Werte wirken sich global aus, doch nicht nur auf unser physisches Ökosystem, sondern auch auf den spirituellen Körper der Welt.

Wir fangen gerade erst damit an, Verantwortung für die Auswirkungen unserer Handlungen in der äußeren, physischen Welt zu übernehmen. Doch viele Menschen fühlen den Schaden, der in der inneren Welt angerichtet worden ist; sie leiden an einem Verlust des Glaubens, an einem Mangel an Freude und Hoffnung, ohne den Grund dafür zu kennen. Die Seele der Welt schreit danach, gerettet zu werden. Es ist an der Zeit, dass spirituell erwachte Menschen Verantwortung übernehmen und auf diesen Schrei antworten, indem sie ihre Herzen für diese Arbeit zur Verfügung stellen.

Wir wissen, wie wesentlich die Liebe für unser eigenes Leben ist, wie sie uns in unseren tiefsten Tiefen nährt. Die Liebe der Mutter für ihr Kind ist etwas Grundlegendes für das Leben. Durch das Licht und die Wärme der Liebe wachsen wir und entfalten uns und können unser wahres Potenzial als Menschen verwirklichen. Die Liebe hilft uns in unserer Entwicklung durch alle Lebensstadien, von der Kindheit zur Partnerschaft und Elternschaft.

Eines der Wunder auf dem Pfad ist, wie wir direkt von der Quelle geliebt werden und Seine Liebe im Herzen spüren können. Das ist eine Liebe, die in kein Beziehungsmuster und in keine Dynamik der Projektionen verstrickt ist. Es ist reine Liebe, die von den inneren Ebenen ins Herz fließt. Sie kommt durch die Kammern des Herzens, verbindet Liebenden und Geliebten und nährt uns auf Weisen, die jenseits unserer Vorstellungen liegen. Sie öffnet uns zur Wirklichkeit Seiner Gegenwart und erweckt uns zum wahren Sinn unseres Lebens. Und sie verwandelt uns auch, indem sie spirituelle Energiezentren und unsere höheren Bewusstseinszentren aktiviert.

Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für die gesamte Schöpfung. „Im gesamten Universum gibt es nur zwei: den Liebenden und den Geliebten. Gott liebt Seine Schöpfung, und die Seele liebt Gott.“(9) Durch das Herz vermag Er alle Ebenen des Seins zu nähren. Manchmal erfahren wir das unmittelbar, wenn eine Süße oder Energie der Liebe durch unser Herz zu einer Person fließt, mit der wir zusammen sind. Doch die Liebe strömt durch ein erwachtes Herz zu der gesamten Schöpfung hin—zu den Bäumen und dem Gras und sogar zu den unbelebten Dingen, denn alles hungert nach Liebe. Die ganze Welt ist eine Liebende, die auf den Geliebten wartet.

Die Liebe kommt in die physische Welt und lässt die Atome der Schöpfung im Gottgedenken wirbeln. Die Liebe gelangt auch von der Quelle zu den inneren Reichen—in die archetypische Welt der Primärenergien des Lebens—und in die Welt der Seele.(10) Die Archetypen, die Götter und Göttinnen der Alten Welt, brauchen unsere Liebe und Beachtung, was inzwischen auch einige psychologische Richtungen erkennen. Diese Urkräfte, die das Fundament des Lebens sind, antworten auf die Liebe und wandeln sich manchmal von wütenden Wesen in hilfreiche und unterstützende Kräfte, wie das in zahlreichen Märchen und Geschichten indigener Völker geschildert wird.

Die Liebe kann die Archetypen von negativen Mustern und Blockierungen befreien, die den heilsamen Fluss ihrer Energie behindern. Die Schamanen arbeiten üblicherweise vor allem in der archetypischen Welt und wissen, wie wichtig es ist, diesen Kräften mit Aufmerksamkeit, Respekt und Liebe zu begegnen. Da die Liebe eine so machtvolle transformative Kraft ist, kann sie direkt auf diese inneren Energien einwirken und sie zu einem höheren und schöpferischeren Potenzial erwachen lassen.

Viele Jahre lang habe ich in der inneren Welt direkt mit den Archetypen gearbeitet und die Veränderungen miterlebt, die Liebe und Aufmerksamkeit bringen können. Ich sah, wie es möglich war, öde, trockene innere Landschaften mit den Samen der Hoffnung zu bepflanzen, die dann in Liebe gehegt wurden, und wie daraus ein Obstgarten erwuchs mit Früchten, die die Seele nährten und Freude ins Leben brachten. Ich traf auf eine Frau, deren Tränen sie hatte erblinden lassen, so dass sie nicht mehr sehen und sich um ihre Kinder kümmern konnte. Durch die Liebe gewann sie allmählich ihr Augenlicht zurück und gesundete, und ihre Kinder waren nicht länger im Stich gelassen. Die Liebe brachte Heilung und Magie in die innere Welt, und das Lied der Zukunft wurde lebendig. Das Kind mit den Sternenaugen kam und zeigte mir die Morgendämmerung, die der Menschheit harrte. Ich sah, wie ein neues Gebet gegeben wurde, das auch ein der Sonne sich öffnender Same war. Die Liebe vermag die innere Welt zu heilen, die von Jahrhunderten des Rationalismus und des Vergessens missbraucht worden ist.

Die Liebe kann auch die Seele heilen. Durch die Liebe können wir unmittelbar zu der Seele eines anderen und nicht nur zum Ego oder der Persönlichkeit sprechen. Es gibt auch altüberlieferte Weisen, die Seele eines neugeborenen Kindes in dieser Welt willkommen zu heißen—Rituale des Herzens, die dafür sorgen, dass es sein wahres Wesen nicht vergisst und das Band zwischen Seele und Ego nicht vom Leben verdeckt oder gar durchtrennt wird, sondern die Person ihr ganzes Leben hindurch nährt.

Wenn das Herz zu der Seele eines Erwachsenen spricht, kann es auch Wunden heilen, die ihr durch das Gottvergessen unseres Egos und unserer Kultur zugefügt worden sind. Manche Seelen haben Wunden durch Ereignisse in ihrem Leben davongetragen—durch Unglücksfälle, großen Kummer oder Handlungen, die Leid über andere gebracht haben. Durch das Herz kann Licht gegeben werden, um die dunklen Wolken aufzulösen, die solch eine Seele einhüllen—eine Dunkelheit, die oft als Depression empfunden wird. Da Sinn aus dem Innersten kommt, erscheint einem das Leben, wenn die Seele von solch einer Dunkelheit bedeckt ist, häufig sinnlos. Wir haben dann das Licht der Seele verloren. Die Liebe kann es wieder zurückbringen.


DIE ARBEIT DER LIEBENDEN

Mit der Liebe zu arbeiten bedeutet, dass wir vom Kern unseres Wesens her auf die globale Misere reagieren. Wir können es uns nicht länger leisten, uns in unsere spirituellen Praktiken oder in unser persönliches Leben zurückzuziehen. Wir müssen eine innere Verpflichtung gegenüber dem spirituellen Leben des Ganzen eingehen. Dabei ist wesentlich, dass wir die dringende Notwendigkeit erkennen und so unserem Höheren Selbst die Möglichkeit geben zu antworten.

Es gibt einen Sufi-Ausspruch: „Es ist das Einverständnis, das die Gnade herabholt.“ Wenn wir „Ja“ sagen, lassen wir zu, benutzt zu werden. Ohne unsere Bereitschaft zum Mitwirken bleiben die Tore der Gnade geschlossen. Das ist eines der Geheimnisse des freien Willens.

Wie weiß das Herz, worauf es antworten soll? Das Wunder des Herzens ist, dass es, da es unsere höhere spirituelle Intelligenz beherbergt, instinktiv weiß, wo seine Aufmerksamkeit und Liebe gebraucht werden. Das Herz öffnet sich als Antwort auf einen Ruf. Und das Herz kann unterscheiden, ob es um ein wahres Bedürfnis geht, so wie eine Mutter weiß, ob der Schrei ihres Kindes ein Schrei aus echtem Schmerz ist oder nur ein Verlangen nach Aufmerksamkeit.

Die Liebe arbeitet über verschiedene Kammern oder Organe des Herzens auf verschiedenen Ebenen, und zwar von den äußeren zur innersten, wo die Wahrheit verborgen ist. Über diese verschiedenen Mittler der Liebe bringt der Liebende die Liebe dorthin, wo sie gebraucht wird, um die verletzte Welt zu heilen und auch Energiezentren in ihr zu erwecken, die noch ruhen. Der Liebende hat die verwandelnde Eigenschaft Seiner Liebe erfahren und weiß um ihr Potenzial. Was dem Einzelnen gegeben werden kann, kann auch der Welt gegeben werden. Das ist eines der Geheimnisse der globalen Einheit, des aufkeimenden Bewusstseinszustands von globalem Gewahrsein.

Mit unseren individuellen Gebeten, unserer Meditation und unserer Hingabe streben wir danach, innerlich achtsam zu werden und uns mit der Quelle zu verbinden. Achtsam für den Atem zu sein, ist ein Weg, uns auf die Quelle auszurichten. Wenn wir uns auf den Grundrhythmus unseres Lebens einstimmen, fließt unsere Aufmerksamkeit beim Ausatmen von der inneren Welt der Seele in die Manifestation und kehrt beim Einatmen wieder zur Quelle zurück. Ein dhikr oder ein mantra ist eine weitere Übung zur inneren Ausrichtung, da unser Bewusstsein auf einen göttlichen Namen oder Das, was er bezeichnet, eingeschwungen wird. Eine andere Übung, die schon erwähnt wurde, bei der man eine Meditation oder ein Gebet damit beginnt, dass man die Welt ins Herz nimmt, erinnert einen an die alles umfassende Natur unserer spirituellen Praxis.

Auch kann das Herz des Schülers vom Lehrer, dem man sich in Liebe hingegeben hat, benutzt und gelenkt werden. Das ist eines der Geheimnisse der spirituellen Transmission, der Übertragung der Liebe vom Lehrer auf den Schüler. Wenn der Lehrer das Herz des Schülers durch die Übertragung der Liebe erweckt, entsteht ein Band der Liebe zwischen Schüler und Lehrer und der gesamten spirituellen Linie. Über dieses Band der Liebe wird dem Schüler die Liebe und das Licht gegeben, die er für seine Reise auf dem Pfad braucht. Da dieses Band zur inneren Ebene der Seele gehört, ist für diese Transmission der Liebe oft nicht die körperliche Gegenwart erforderlich. Über dieses Band kann der Lehrer das Herz des Schülers auch für die Arbeit in der Welt leiten und Liebe und Licht durch dessen Herz direkt an die Stelle geben, wo sie benötigt werden.

Die Liebe, die durch diese Übertragungskette kommt, schwingt häufig auf einer höheren Frequenz, als der Schüler von sich aus erreichen könnte. Da sie eine höhere Schwingungsrate hat als das persönliche Selbst, kann sie ohne jede Störung durch das Herz fließen. So ist es möglich, Energie durch den Schüler zu leiten, die eher für die Arbeit mit der Welt gebraucht wird als für die individuelle spirituelle Entwicklung.

Die Energie, die die Welt benötigt, ist nicht immer dieselbe wie jene, die geeignet ist, den Einzelnen zu fördern. Es ist wichtig zu erkennen, dass es womöglich einen Unterschied gibt zwischen der spirituellen Energie, die dem Planeten hilft, und der für das individuelle spirituelle Leben. Ein Beispiel: Gegenwärtig braucht der Planet eine dichte und sehr machtvolle Energie, die sehr unpersönlich, kalt und hart ist und nicht auf der Ebene der individuellen Entwicklung funktionieren kann. Sie hat einen sehr spezifischen Zweck, nämlich den gesamten Planeten auf seine Quelle auszurichten und auch bestimmte Energiezentren innerhalb des Planeten zu erwecken.(11) Ein Einzelner oder eine spirituelle Gruppe, in Liebe ergeben und unter dem Schutz und der Führung eines spirituellen Meisters, kann diese Energie übertragen.

SPIRITUELLE GRUPPEN

Eine spirituelle Gruppe kann ein machtvoller und nährender Organismus des Lichts und der Liebe in der Welt sein. Spirituelle Energie lässt sich durch eine Gruppe oder eine spirituelle Tradition in die Welt übertragen. Eine Gruppe, die sich regelmäßig zu ihrer spirituellen Praxis trifft, hat ein Gruppenherz, das die Gruppe aufrecht erhält und auch als Transportmittel für spirituelle Energie fungiert. Die Wirksamkeit dieses spirituellen Organs hängt von der Ernsthaftigkeit und dem Entwicklungsgrad ihrer Mitglieder ab und ob sie unter dem Schutz und der Führung eines spirituellen Lehrers stehen. Diese Faktoren bestimmen auch das Energieniveau, zu dem sie Zugang haben. Die Mitglieder einer Gruppe unterstützen sich gegenseitig auf ihrer individuellen Reise, aber sie können auch, in ihrer Hingabe und der gemeinsamen spirituellen Absicht verbunden, für die Arbeit am Ganzen benutzt werden.

Jede Gruppe hat eine unterschiedliche Schwingung, die den Grad ihrer Mitwirkung und den Einsatzort in den äußeren und inneren Welten bestimmt. Manche spirituelle Gruppen arbeiten in der äußeren Welt, leisten Beistand durch Heilen oder verbessern die äußeren Bedingungen im Leben der Menschen. Andere Gruppen arbeiten nahe bei der physischen Welt und helfen, den Ätherleib der Erde zu heilen, während andere Gruppen vielleicht in der archetypischen oder in der Engelwelt tätig sind, während wiederum andere tief im Innen, sogar auf den Ebenen des Nichtseins arbeiten.

Die spirituellen Gruppen bilden Teil des spirituellen Körpers, des Lichtkörpers, der Erde. Aus dieser Perspektive betrachtet sind die Gruppen keine getrennten, unabhängigen Gebilde, sondern Teil eines organischen Lebewesens. Sie werden da formiert, wo sie der spirituelle Körper der Erde braucht, wo sich ihre Liebe und ihr Licht konstellieren müssen. Im Laufe der Weltgeschichte haben sich spirituelle Energie und Aktivität an verschiedensten physischen Plätzen konzentriert. In den noch nicht lange zurückliegenden Jahrhunderten sind Indien und Tibet die Lokalitäten gewesen, an denen viel spirituelle Arbeit geschah, während die Blütezeit des Sufismus im ersten Drittel des letzten Jahrtausends eine spirituelle Konzentration im Mittleren Osten anzeigt, obwohl Dschingis Khan und seine Mongolenkrieger Zerstörung in einen Großteil dieser Region brachten und viele Sufis dazu zwangen, gen Westen nach Damaskus und Anatolien zu ziehen. In jüngster Zeit sind viele verschiedene Traditionen vom Osten in den Westen gelangt, der der gegenwärtige Sammelpunkt beträchtlicher spiritueller Energie und Tätigkeit zu sein scheint.

Da die Erde ein lebendiges spirituelles Wesen ist, verändert sie sich, die Lichtkonzentration verschiebt sich, und die spirituelle Arbeit, die von den Praktizierenden getan werden muss, wandelt sich. Mit unserem Fokus auf die individuelle Dimension spiritueller Arbeit wird häufig dieses größere, globale Bild übersehen und außer Acht gelassen, wie sehr spirituelle Gruppen in ihrem Dienen alle miteinander verbunden sind. Bedauerlicherweise bleiben viele der heutigen Praktizierenden in dem Bild ihres Pfades als etwas, das für sich steht, gefangen, statt die Sicht von der dynamischen Ganzheit anzunehmen, bei der jeder Übende nur eine jeweilige Zelle im Lichtkörper des Planeten ist. Sie begreifen nicht, dass die verschiedenen spirituellen Pfade und Traditionen lediglich verschiedene Wege sind, mit dem Einen Licht zu arbeiten.

Nur indem wir zusammenarbeiten, können wir viele der gegenwärtigen Hindernisse überwinden, die durch den globalen Konsumfetischismus und die damit einhergehende Schändung des Planeten verursacht worden sind. Verbinden sich die verschiedenen Pfade in der inneren und äußeren Welt miteinander, werden sie ihr wahres transformatives Potenzial verwirklichen und der Welt dabei helfen zu erwachen.

Vieles der spirituellen Arbeit ist verhüllt, in den inneren Welten verborgen. Aber manchmal dürfen wir einen kurzen Blick auf die wahre Natur der Arbeit werfen. Ein Freund hatte die folgende Vision, die etwas von der Arbeit des Naqshbandi-Ordens widerspiegelt, der von der Präsens seines Begründers, des Meisters aus dem 13. Jahrhundert, Abd al-Khalîq al-Ghujduwânî, geleitet wird.

„In der Meditation befand ich mich—nach einer kurzen Reise der Seele fort von der Erde—in einer riesigen Raumstation außerhalb unserer Galaxie im Universum wieder. Plötzlich stand ich in einem Kontrollraum zur Rechten von Sheikh Ghujduwânî. Um uns waren nur glänzende und blinkende Computer und Kontrollborde.

Durch die Fenster konnte ich unter uns auf der rechten Seite unsere Galaxie mit der schönen Erde vor einem schwarzen Hintergrund sehen. Ich sah auch die Energie—und Lichtkanäle, die zu anderen Galaxien reichten.

Sheikh Ghujduwânî erklärte mir viel von seiner derzeitigen Arbeit. Manches konnte ich behalten.

Er sagte, dass er jetzt auf verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit Vernetzungen zu anderen lebenden Galaxien schaffen würde, so dass zwischen ihnen und uns eine Verbindung entstehen könne. Verschiedene dunkle Mächte würden das fortwährend zu verhindern suchen. Das würde ihnen jedoch nicht gelingen, weil die göttliche Evolution und die Macht der Liebe und Hingabe der Meister stärker seien. Als er das sagte, lachte er laut und fröhlich.

Dann betrachtete ich unseren strahlend leuchtenden Planeten, der von grauen und schwarzen Streifen wie Nebelschwaden umgeben war. Durch den Nebel rotierte sehr schnell eine Energiespirale, und das auf diversen Daseinsebenen. Im selben Moment erkannte ich diese Spirale als Energiefeld unseres Ordens. Diese durch die Liebe und Hingabe von Meditierenden erzeugte Spirale löst langsam den Nebel aus Gottvergessen und Dunkelheit auf den verschiedenen Ebenen der Existenz auf.

Der Sheikh sagte, er arbeite an dieser Stelle im Universum, um bestimmte Energien zwischen den Galaxien auszugleichen und diese Galaxien—unsere eigene eingeschlossen—zu schützen. Er tue seine Arbeit stets im Auftrag des Allmächtigen.

Er würde auch nicht allein arbeiten, sondern zusammen mit buddhistischen Lehrern und Meistern.“

Diese Vision führt den Freund fort von der Erde und dahin, wo sich eine weitaus größere Dimension spiritueller Arbeit erkennen lässt, eine Arbeit, die „auf verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit Vernetzungen zu anderen lebenden Galaxien“ erzeugt. So, wie jetzt Verbindungen und Beziehungsmuster in unserer Welt geschaffen werden, indem eine Verknüpfung von verschiedenen Gruppen und spirituellen Traditionen stattfindet, so werden auch andere Verbindungen und Beziehungen im umfassenderen Makrokosmos gebildet. Darüber hinaus zeigt die Vision die Arbeit der Naqshbandi-Sufis für diese Welt, bei der ein Energiefeld geschaffen wird, das den Nebel des Vergessens und der Dunkelheit, der unseren Planeten bedeckt, auflöst. Dieses Energiefeld „durch die Liebe und Hingabe von Meditierenden erzeugt“ besteht „auf diversen Daseinsebenen“, weil der Nebel des Vergessens und der Dunkelheit, den es aufzulösen gilt, ebenfalls auf verschiedenen Ebenen vorhanden ist. Unsere Kultur hat Verschmutzung und Dunkelheit bis weit in die inneren Welten ausgelöst. Ein wichtiger Aspekt wirklicher spiritueller Arbeit ist ihre Fähigkeit, auf verschiedenen Ebenen zu wirken, besonders in den verborgenen inneren Welten. Die verschiedenen Zentren innerhalb des Herzens, die latâ’if, gewähren uns Zugang zu verschiedenen Wirklichkeitsebenen, und durch die Führung der Meister unserer Linie arbeiten wir zusammen, um die Energie des Pfades dahin zu bringen, wo sie gebraucht wird.

In der letzten Aussage zeigt die Vision, dass die verschiedenen Pfade nicht isoliert arbeiten. „Er würde auch nicht allein arbeiten, sondern zusammen mit buddhistischen Lehrern und Meistern.“ Die anbrechende Ära ist eine der Zusammenarbeit und der wechselseitigen Beziehungen. Im Herzen ist alles eins. So wie das Herz einen Menschen mit der ihm innewohnenden Einheit verbinden kann, so kann es uns auch mit der Einheit allen Lebens verbinden. Wenn wir uns das bewusst machen, dann erkennen wir, dass wir alle zum Wohl des Ganzen zusammenwirken.

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ANMERKUNGEN

(1) Tirmidhî, Al-Hakîm: Three Early Sufi Texts, S. 52, übers. v. Nicholas Heer. Louisville, KY, Fons Vitae, 2003.
(2) C.G. Jung: Gesammelte Werke, Bd. 14, „Mysterium Conjunctionis“, Olten und Freiburg im Breisgau, Walter Verlag.
(3) Chittick, William: The Sufi Path of Knowledge, S. 17, Albany, NY, State University of New York Press, 1989.
(4) Katha Upanishad, Book II, 1, S.34 in The Ten Principle Upanishads, übers. v. Purohit Swami und W.B Yeats, London, Faber and Faber, 1937.
(5) Tirmidhî, Al-Hakîm, S. 35, s.a.a.O.
(6) Die Naqshbandi unterschieden zwischen fünf latâ’if, die zur Welt des Göttlichen Befehls ('alâm-e amr) gehören: Herz (qalb), Geist (rûh), Geheimnis (sirr), Verborgenes (khafî) und das Verborgenste (akfâ)—und fünf latâ’if, die der Welt der Schöpfung ('alâm –e kalq) zugeordnet werden: niederes Selbst (nafs), Luft (bâd), Feuer (nâr), Wasser () und Erde (khâk). Jedes latîfah steht mit einer bestimmten Farbe und einer bestimmten Körperstelle in Verbindung.
(7) Buehler, Arthur F.: Sufi Heirs of the Prophet, S. 110, Columbia, SC, University of South Carolina, 1998.
(8) Ibn Arabî, zit. in: William Chittick, S. 103, s.a.a.O.
(9) Zit. in: Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S. 231, Interlaken, CH, Ansata Verlag, 1988.
(10) Die archetypische oder symbolische Welt wird üblicherweise als eine Zwischenebene zwischen der physischen Welt und der Ebene des Reinen Seins gesehen. Man bekommt zu ihr am leichtesten Zugang über die „aktive“ oder „kreative“ Imagination. Siehe Vaughan-Lee, Mit der Einheit arbeiten, Kap. 8, S.165 – 182, The Golden Sufi Center, 2003.
(11) Siehe: Vaughan-Lee, Spirituelle Macht, The Golden Sufi Center 2006.