The Golden Sufi Center

Spirituelle Reife
Veröffentlicht im Sufi Journal, Ausgabe 64, Winter 2004-2005


Llewellyn Vaughan-Lee


In der Zeit für Stille, Stille;
In der Zeit für Beisammensein, Beisammensein;
Am Ort des Bemühens, Bemühen.
Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort.

— NAQSHBANDI AUSSPRUCH


Uns umgibt unaufhörliche Offenbarung. Jeden Augenblick wird das Göttliche neu geboren. Und doch befinden wir uns zu diesem Zeitpunkt unserer Geschichte am Beginn eines neuen Zeitalters; ein neues Muster des Lebens ist dabei, in die Existenz zu kommen. Für diese Geburt ist unser spirituelles Gewahrsein von zentraler Bedeutung. Wir sind mit unserem Herzen, unserem Bewusstsein und mit jedem Atemzug Hebammen für ein neues Erwachen der Erde, das sich jetzt vollzieht. Damit wir wirklich an dieser Geburt beteiligt sein können, ist es notwendig, alte Muster hinter uns zu lassen, alte Gewohnheiten, auf dieser Erde zu leben und zum Himmel aufzuschauen. Wir treten in eine Ära der Einheit, die Materie und Geist, weiblich und männlich zusammenbringen wird, und unsere spirituelle Praxis muss diese neue Ausrichtung widerspiegeln. Wir können uns nicht mehr von der Erde lossagen oder einem patriarchalischen Modell des spirituellen Fortschritts folgen. Die Reise unserer Seele ist Teil der Reise der gesamten Schöpfung. Unser Herz ist mit dem Herzen der Welt verbunden. Unser Gott-Erinnern ist das Gott-Erinnern der Welt. Durch unser Erwachen kann die Welt erwachen.

Und doch geht die individuelle Reise der Seele zurück zur Quelle, die Reise des Liebenden zurück zum Geliebten, weiter wie schon immer. Alles verändert sich, und nichts verändert sich. Die Reise einer Seele nach Hause ist wie der spirituelle Herzschlag der Welt. Wenn sich ein Sucher dem Geliebten zuwendet, jubiliert die ganze Schöpfung, denn das ist die letzte Reise für jedes Leben. Jedes Atom sehnt sich danach, mit seinem Geliebten vereint zu sein, und als spirituelle Reisende leben wir diese Sehnsucht mit unserem ganzen Sein. Diese Reise ist unser größter Beitrag an das Leben und an den Geliebten. Wir geben uns auf dem Altar Seiner Liebe hin und leben Sein Drama der Trennung und Vereinigung.

Wenn wir unser spirituelles Bewusstsein erweitern und die ganze Schöpfung mit einbeziehen, ist es wichtig, sich die Einfachheit und Normalität der Reise der Seele zu vergegenwärtigen. Die Sehnsucht des Herzens nach Gott gehört zur Ur-Essenz des Lebens. So wie eine Sonnenblume sich zur Sonne hin ausrichtet, schaut auch unsere Seele zu ihrer Quelle. Diesen wirklichen Ruf zu leben und zu atmen, bedeutet häufig, viele der Illusionen zurückzulassen, die wir wahrscheinlich vom spirituellen Leben haben.

DIE UNSCHULD DES ERWACHENS

Zu Beginn der Reise berührt ein Funke reiner Liebe unser Herz, und wir erwachen für einen Moment zu dem Wunder unserer wahren Natur und unserer innersten Beziehung zum Göttlichen. Ohne dieses Geschenk der Liebe gäbe es keine Reise, gäbe es keinen Wunsch, zu Gott zurückzukehren. Wir würden in den Schatten des Vergessens bleiben und nie unser wahres Selbst kennen lernen. Dieser Funke erweckt uns und richtet unsere Aufmerksamkeit auf die Reise der Seele, das größte Abenteuer.

In der Tradition als das „Wenden des Herzens“ bezeichnet, erscheint dieses Erwachen der Liebe wie das erste große Liebeserlebnis, nur dass es hierbei kein idealisiertes geliebtes Gegenüber gibt und keine romantischen Phantasien. Das hier ist die große Liebesbeziehung der Seele mit Gott, die unvermittelt ins Bewusstsein hereinbricht. Häufig erweckt sie jedoch in den Liebenden eine mit dem jugendlichen Ungestüm vergleichbare Qualität, und es entstehen spirituelle Phantasien, die, wie ihre weltlichen romantischen Gegenstücke, oft außer Kontrolle geraten. Es ist nicht immer leicht, dieses Erwachen zur wirklichen Liebe mit unseren alltäglichen Beschäftigungen in Einklang zu bringen, oder diesen allertiefsten Wunsch in unserem normalen Bewusstsein zu halten.

Das Wenden des Herzens erweckt ein Feuer in uns. Letztlich ist es genau dieses Feuer, das uns brennen lässt und schließlich verzehrt, das unser Blei zu Gold verwandelt. Doch am Anfang ist es nichts weiter als eine verrückte Leidenschaft, die kein Behältnis hat. Wir mögen sie als „Sehnsucht nach Gott“ bezeichnen, aber wir haben keine Ahnung von der wirklichen Dynamik der Reise, von der schmerzvollen Arbeit am Schatten und dem allmählichen Zermahlen des Egos, was zu den ersten Jahren der Suche gehört. So wie die romantische Erfahrung des Sich-Verliebens uns keineswegs auf die wirkliche Arbeit an einer Beziehung vorbereitet, so lässt uns der Funke, der uns im Herz der Herzen berührt, nicht an die unfassbare und gefährliche Natur von dem denken, was sich da ereignet. Wir werden in die Liebesaffäre mit Gott geworfen wie ein Blinder in ein grenzenloses Meer.

So ist es schon immer gewesen. Wir kommen in Unschuld und voller Sehnsucht, verwirrt durch Zweifel und Unsicherheiten, erfüllt von einem Sehnen nach etwas, das wir nicht verstehen können. Wir wissen auch nicht, was wir mit der Intensität und Leidenschaft der Seele anfangen sollen. Was bleibt uns anderes übrig, als spirituelle Phantasien zu erschaffen, Bilder einer spirituellen Welt, die mit all dem Unerfüllten in uns angefüllt ist?

Vielleicht gibt uns die Reise den Partner, den wir uns immer schon gewünscht haben, oder die Arbeit, die wir unserer Meinung nach verdienen. So projizieren wir nur zu leicht unsere persönlichen Bedürfnisse auf die uns unbekannten Möglichkeiten unserer Suche, halten Ausschau nach einem Elternteil, der uns liebt, einem Liebhaber, der uns in die Arme schließt, nach Freunden, die uns verstehen, nach Arbeit, die uns erfüllt. Im Westen wird diese natürliche Tendenz zum Projizieren noch von einer Konditionierung verstärkt, die nach sofortiger Wunscherfüllung drängt und uns einredet, dass wir ein Recht auf persönliches Glück haben. Der lange und harte Weg der spirituellen Schulung hat in unserem kollektiven Bewusstsein wenig Raum.

Erschwert wird das alles noch durch den Umstand, dass wir zu Beginn etwas gezeigt bekommen, das unmittelbar ist, weil es zum ewigen Jetzt gehört. Wir dürfen einen kurzen Blick auf das werfen, was immer da ist—auf unseren ewigen Geliebten. In diesem Augenblick gibt es keine Zeit, keine lange, mühsame Reise. Stattdessen ist da etwas Spontanes und völlig Lebendiges. Er verführt uns, indem Er uns einen Geschmack von dem gibt, was bereits in uns ist—das Geschenk unserer selbst, wie wir ewig sind. Wie kann das Ego mit seinem Begrenztsein in Zeit und Raum dieses ewige Jetzt verstehen oder leben?

Der Wanderer versteht anfangs nicht, dass es bei der wahren Arbeit auf dem Pfad nicht darum geht, Zugang zu spirituellen oder mystischen Erfahrungen zu bekommen. Diese werden durch Gnade gegeben. Die Arbeit besteht darin, ein Behältnis, ein Gefäß, für sie zu schaffen, damit sie in unserem Alltag lebendig werden können. Ein Aspekt dieses Gefäßes ist die Fähigkeit, zwischen wirklicher innerer Erfahrung und einer vom Ego erschaffenen spirituellen Illusion zu unterscheiden. Ohne ein Gefäß des Unterscheidens kann sich der Wanderer leicht verirren und verschwendet dann seine Energie und die Möglichkeit des Erwachens.

SPIRITUELLE ILLUSIONEN

Das heißt nicht, dass wir die Erregung und das Feuer unseres Erwachens aufgeben sollen. In der Tradition ist das die zweite, die spirituelle Geburt, der Augenblick, in dem das wahre Leben der Seele beginnt. Das „Ja“, das bis dahin in der Seele verborgen gewesen ist, kommt zum Vorschein und bricht manchmal mit voller Wucht in unsere äußere Welt. Dieser Moment bringt eine Freude und eine Intensität mit, die gelebt werden müssen. Die wirkliche Liebe ist gekommen; wahres Licht ist gegenwärtig. Etwas Ungeheures hat begonnen. Häufig verbindet sich das mit dem Gefühl, zum ersten Mal im Leben nach Hause zu kommen, dort zu sein, wo man wirklich hingehört. Jede Phase des Pfades hat seine Berechtigung. „Unter der Sonne gibt es für alles eine Zeit.“

Ich erinnere mich noch an die Intensität meines eigenen Erwachens, an die Welt, die plötzlich in einem verborgenen Licht funkelte, an die Freude und das Wunder des Ganzen. Ich erinnere mich an meine ersten Erfahrungen in der Meditation, meine ersten Begegnungen mit einer inneren Welt jenseits des Verstandes. Mir war etwas gegeben worden, wonach ich mich schon immer gesehnt, aber von dem ich nicht gewusst hatte, dass es existiert. Mir war eine Kostprobe von dem gegeben worden, was wirklich war, inmitten einer Welt der Illusionen und Lügen. Der Wunsch nach der Wahrheit war entfacht, und ich wusste, was ich wirklich wollte. Ich hatte kein Behältnis für diese verrückte Leidenschaft, die mich damals ergriff: Sie ließ mich fast wahnsinnig werden. Ich fastete weit mehr, als es meinem Körper zuträglich war. Aber ich war zum ersten Mal völlig lebendig.

Hoffentlich findet man einen Lehrer oder einen Pfad, damit man mit der Arbeit beginnen kann, ein Gefäß zu bilden und das Feuer in die richtige Richtung zu kanalisieren, so dass man imstande ist, ein normales Leben zu führen. Für mich dauerte es noch drei Jahre, bis ich zu dem Pfad fand, der mich nach Hause nahm, und ich kam dort alles andere als ausgeglichen hin, nur noch vom Willen und meiner Entschlossenheit zusammengehalten, mager, hungrig und meine Füße kaum auf dem Boden. Aber wir bekommen alle die Erfahrungen, die wir brauchen, und ich bedauere nicht die Verrücktheit dieser ersten Jahre, auch wenn ich inzwischen weiß, dass viel von meiner Energie fehl ging und die meisten meiner Handlungen unangemessen waren. So musste ich zum Beispiel erkennen, dass man den Körper nicht durch Fasten zur Vollkommenheit bringen kann, oder dass man die Wirklichkeit nicht mit Gewalt und Willen erreicht.

Eine der Gefahren der ersten Jahre sind die spirituellen Illusionen. Uns hat eine Sehnsucht ergriffen, ein zutiefster Hunger nach etwas, für das wir keinen Namen haben und das wir nicht kennen. Für einen Moment lang sind wir in einer Realität erwacht, die wenig Entsprechung in unserem äußeren Leben oder in den Gedankenmustern unseres Inneren findet. Wir haben keinen Kontext für das, was da gerade geschehen ist, und so schaffen wir uns verständlicherweise Bilder und Erwartungen vom Pfad. Von dem Moment an, als ich das Licht in den Augen meiner Lehrerin sah, wollte ich in dem Raum jenseits der Begrenzungen dieser Welt sein, die ich zunehmend als befremdlich und voller Probleme erlebte. Ich stellte mir vor, dass spirituelles Leben bedeutete, in dieser formlosen Dimension der Gegenwärtigkeit und Liebe zu leben. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich der Pfad in diese Welt der Begrenzungen zurückpressen würde.

Viele Sucher sitzen zu Beginn der Reise der Illusion auf, sie könnten der Alltagswirklichkeit entfliehen. Eine Freundin beschreibt das so: „Ich dachte, ich würde aus dem Leben herausgenommen, das normale äußere Leben würde sich irgendwie auflösen, und ich müsste nicht für das Leben verantwortlich sein. Ich dachte, ich würde mich in der Liebe verlieren und nicht mehr als „getrenntes“ Individuum existieren, glaubte, dass mich die Liebe immer fortreißen würde. Ich dachte, ich würde tiefer und tiefer in die Zustände von Liebe und Glückseligkeit genommen. Meinte, es wäre, wie wenn wir in der Meditation immer tiefer kommen. Ich habe wirklich nie gedacht, dass ich je ins alltägliche Leben und das normale Bewusstsein zurückkehren müsste.“

Eine andere Freundin glaubte, dass ihre Probleme aufhören, dass sie verblassen würden oder sie sich über sie erheben und in einer anderen Wirklichkeit leben könnte. Andere Sucher erschaffen sich die Illusion, dass sie besonderes spirituelles Wissen oder sogar spirituelle Kräfte erlangen würden. Die Aussicht, die „Erleuchtung“ zu erreichen, ist ein weit verbreiteter Irrglaube, wobei die grundlegende Wahrheit außer Acht gelassen wird, dass das Ego keine höheren Erfahrungen hat, und dass es in der Dimension des wahren Selbst kein „Ich“ gibt, dass irgendetwas erfahren könnte. Wir machen uns so viele Illusionen, nutzen so viele Bilder vom Pfad als Möglichkeit, vor dem Leben und vor uns selbst davonzulaufen. Doch ein wahrer Pfad führt uns zurück zu uns und in unser Leben. Wenn wir nicht zu uns selbst zurückkehren, kann die wichtige psychologische Arbeit—die Konfrontation mit unserer Dunkelheit, die Arbeit an unserem Schatten und anderen inneren Mechanismen—, die dazu beiträgt, das Gefäß einer stabilen Psyche zu bilden, nie wirklich getan werden.

Indem wir an uns selbst arbeiten, sehen wir allmählich, dass viele der anfänglichen Illusionen auf dem Pfad mit unserer Erfahrung des Egos als alleinigem Handelnden in unserem Leben zusammenhängen. Eine Freundin erkannte, dass ihre Illusionen „alle durch die nahe liegende Tatsache entstehen, dass eine ‚Person’ zum Pfad kommt und dadurch alles, was ich anfangs erwartete, auf das ‚Persönliche’ zurückverwies. Zum Beispiel glaubte ich, ‚ich oder das persönliche Selbst’ würde die ganze Zeit verliebt sein. Mir war nicht klar, dass Liebe einfach ist. Dass sie nicht wirklich etwas mit ‚mir’ zu tun hat, sondern einfach nur existiert.“

Zu Beginn ist alles, was wir kennen, unser Ego, und so stellen wir uns den Pfad und seine Erfahrungen durch die Augen des Egos vor, mit allen seinen Sehnsüchten und Bildern von Erfüllung. Auch wenn wir gelesen haben oder uns gesagt worden ist, dass das Ego „gehen muss“, dass „wir sterben müssen, bevor wir sterben“, können wir uns keinen Zustand ausmalen, bei dem nicht das „Ich“ im Mittelpunkt ist. Wenn wir an das wahre Selbst denken, stellen wir uns ein spiritualisiertes Ego vor. Wir sind selten auf die Einfachheit von dem vorbereitet, was ist. Das Selbst hat zwar eine kosmische Dimension, doch es ist auch die normalste, einfachste Essenz, eine Qualität des Seins, die in allem enthalten ist. Und wir können nicht die Zustände des Nicht-Seins, die jenseits des Selbst sind, mit einem Bewusstsein begreifen wollen, das sich auf das Wahrnehmen vom Da-Sein zentriert. Wie sollen wir uns einen Zustand vorstellen, in dem wir dort sind, wo wir überhaupt nicht existieren?

Während sich einige Illusionen auf einen inneren spirituellen Zustand richten, zeugen andere von dem Wunsch, etwas im Außen zu manifestieren, zum Beispiel ein Heiler zu werden oder sogar ein spiritueller Lehrer, einen „Schicksalsweg“ zu haben, der, wie wir glauben, unsere einzigartige spirituelle Natur widerspiegelt. Manche Wanderer werden vielleicht auf solche Wege berufen, doch der Wunsch danach ist meist nur eine neue Art, das Ego zu befriedigen, wobei das Ego sich einer reinen Energie oder Absicht bemächtigt und für seine eigenen Zwecke benutzt. Das Ego liebt es, sich aufzublähen, sich zum Hauptdarsteller auf jeder Bühne zu machen. Es mag desillusionierend sein zu erkennen, dass das wahre Selbst oft keine bestimmte äußere Form oder Rolle zum Manifestieren braucht, dass es vielmehr ein Seinszustand ist als eine „manifestierte Bestimmung“.

Eine weitere, recht übliche Form der spirituellen Illusion ist die Vorstellung vom „geführten Leben“ oder von dem Zustand, in dem Handlungen aus sich selbst heraus entstehen, ohne dass es uns als den „Handelnden“ braucht. Auch wenn es Zustände gibt, in denen das wahre Selbst oder unsere göttliche Natur durch uns lebt, verlangen diese viel mehr bewusste Unterscheidung als uns anfangs klar ist. Mit Ausnahme seltener Fälle sehr hoch entwickelter spiritueller Menschen muss sich unsere höhere Natur durch unser Ego und unsere niedere Natur manifestieren, und das wiederum liebt es, die höhere Energie für seine eigenen Zwecke umzuleiten. „Das Ego lauert hinter jeder Ecke“, darauf bedacht, unsere wahre Natur zu untergraben. Wir müssen lernen, zwischen der tatsächlichen Notwendigkeit des Augenblicks und einem verborgenen Wunsch oder einem Muster des Selbst-Schutzes zu unterscheiden, das eine spirituelle Form angenommen hat. Oft ist die Illusion, geführt zu sein, ein Vermeiden, wirkliche Verantwortung für unser Leben und für unsere Handlungen zu übernehmen. Das ist eine perfekte Entschuldigung für jemand, der sich nicht voll auf das Alltagsleben mit seinen Schwierigkeiten und Anforderungen einlassen will. Die patriarchalische Spiritualität mag die transzendente Natur des Selbst betont haben, aber das Selbst ist auch ein dem Leben innewohnender Teil, und es kann nur voll inkarniert werden, wenn wir die volle Verantwortung für das Leben, wie es ist, übernehmen. Man kann das wahre Selbst nur erkennen, indem man sein Leben und sein Schicksal voll annimmt. Mit den Worten des Sufi-Meisters Abû Sai’îd ibn Abî-l-Khayr: „Was immer dein Los ist, stell dich ihm!“

Schließlich führt uns der Pfad zu einem Ort, wo sich das Ego ergibt und das Selbst der Lenker wird. Dann bekommt das Leben die Qualität eines leeren Blatt Papiers, das der Geliebte beschreiben kann, wie es Ihm gefällt. Doch bevor wir zu dieser Stufe gelangen, haben wir volle Verantwortung für unser Leben und für unser Ego und seine Bedürfnisse und Forderungen übernommen. Wir sind reife, erwachsene Wanderer geworden, die den Pfad nicht benutzen, sich um die Schwierigkeiten des Lebens herumzudrücken. Wir haben den Wert des gesunden Menschenverstandes schätzen gelernt und gelernt, in beiden Welten zu leben. Und wir haben eine ständige Wachsamkeit dem Ego und seinen raffinierten Mitteln der Täuschung gegenüber entwickelt.

NORMALES LEBEN

Die geläufigste und hartnäckigste Illusion ist wohl die, dass das spirituelle Leben den Sucher aus dem normalen Leben herausnimmt. Doch der gewöhnliche Lebensalltag wird immer Bestandteil bleiben. Tatsächlich werden wir immer stärker in das Normale, Alltägliche hineingebracht: Wir „hacken Holz und holen Wasser.“

Häufig ist es die Weltlichkeit des Pfades, auf die wir am wenigsten vorbereitet sind. Nachdem wir eine Kostprobe der Leidenschaft unserer Seele bekommen haben, die so „anders“ ist als unsere übliche Erfahrung, neigen wir zu der Hoffnung, dass sich die Banalität des Lebens in der Begeisterung und Ekstase der inneren Reise auflöst. Wir malen uns vielleicht ein spirituelles Leben voller dramatischer Herausforderungen und spiritueller Zustände aus. Doch das ist nichts weiter als wieder das Ego, das sich die Erfahrung zum eigenen Nutzen zurechtlegt. Nur ein einfacher Wanderer auf einem staubigen Pfad nach Hause zu sein, bringt nicht so viel Befriedigung.

Die wahre Einzigartigkeit unseres Wesens zeigt sich uns meist als äußerst einfach und selbstverständlich, wie eine Freundin ihre Erfahrung beschreibt: „Ich bin immer geschockt darüber, wie normal die Dinge sind, wie ich immer mehr hierher ins Normale komme. Ich habe wirklich erwartet, dass die Dinge außergewöhnlich würden.“ Eine andere Freundin, die zu meiner Lehrerin gekommen war, dachte, sie würde ein einfaches meditatives Leben führen. Doch sie fand sich bald als Lehrerin in einer städtischen Volksschule wieder, wo dreißig Kinder in einer Klasse den ganzen Tag lang ihre Aufmerksamkeit forderten. Damit hatte sie nun überhaupt nicht gerechnet!

Oft ist das Anhaften an die „Außergewöhnlichkeit“ des spirituellen Lebens nur eine andere Methode, uns vor dem Leben oder vor uns selbst zu schützen, so wie uns eine romantische Phantasie vor den Verletzungen und Forderungen einer echten Partnerschaft schützen soll. Wirkliche Liebe macht uns nackt und verletzlich, sobald die uns schützenden Muster aufgelöst oder ausgebrannt worden sind. Anders als bei den meisten Illusionen geht es bei der wahren Natur des Pfades darum, leerer zu werden, eher weniger zu haben als mehr. Während Illusionen häufig das Ego mit Bildern der eigenen Besonderheit aufblähen, werden wir auf dem wirklichen Pfad normal und einfach.

Wenn wir in dem Gefühl sind, wir leben die Leidenschaft der Seele und werden von der Liebe zerrissen, können wir es leicht für unwichtig halten, unsere Rechnungen rechtzeitig zu bezahlen und uns um menschliche Bedürfnisse und Verantwortlichkeiten zu kümmern. Wir gehen dann vielleicht durchs Leben ohne groß darauf zu achten, wie wir andere und auch uns selbst behandeln. Aber ohne festen Grund im Alltäglichen, ohne das Wissen, wie man mit der nötigen Aufmerksamkeit und Achtung mit dem Leben in Beziehung tritt, können wir die Energie der Seele hier nicht vollständig einbringen.

Richten wir unser Augenmerk auf das normale Leben, erdet das die Energie des Pfades und erschwert dem Ego, sich spirituelle Phantasien zu erschaffen. In unserer Tradition wurden deshalb einem jungen Mann, wenn er zum ersten Mal zu einer Sufi-tekke oder khânqâh (türkisch oder persisch für Sufi-Zentrum oder Herberge) kam, die weltlichsten und erniedrigendsten Arbeiten zugewiesen, wie zum Beispiel das Säubern der Latrinen oder das Fegen des Hofes. Während der ersten Jahre gab man ihm womöglich überhaupt keine spirituellen Übungen sondern nur einfache Aufgaben des Dienens.

Es ist wichtig, nicht die Erfahrung der normalen Dimension zurückzuweisen, denn die Natur der Seele ist normal und einfach und drückt sich häufig in dem aus, was am Simpelsten ist. Die Seele ist eine Qualität des Seins, in der die Dinge nur sind. Hier ist Friede, ist Liebe, und auch machtvolle Kraft ist einfach nur. Wir werden nie diese Eigenschaften der Seele erkennen, geschweige sie leben, wenn wir unserem Wunsch nachgeben, dem Gewöhnlichen, dem Normalen, zu entrinnen, wenn wir uns unnötigerweise Dramen und Phantasiegebilde kreieren. Zen-Haikus geben oft diese Einfachheit wieder. Der Tau im Gras ist in dem Augenblick da—ohne jegliches Drama. Der Vollmond, der sich zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Herbst auf dem Wasser spiegelt, ist einerseits einfach und andererseits so unergründlich. Das Gefäß, das wir auf dem Pfad heranbilden, ist eine reife Beziehung zum Leben. Wir werden nie in der Lage sein, das Paradox, wie das Gewöhnliche und das Außergewöhnliche zusammenkommen, zu leben, wenn wir nicht willens sind, das Leben anzunehmen, wie es ist.

Die wahre Arbeit besteht darin, uns selbst treu zu bleiben inmitten all der Anforderungen des Alltags und die innere Aufmerksamkeit zu halten, und sei es nur für fünf Minuten am Tag, wenn noch so viele Ablenkungen da sind. Das Gott-Erinnern findet nicht mehr in der Abgeschiedenheit statt, sondern im Büro oder im Supermarkt. Der Pfad mag das Gegenteil von dem sein, was wir erwarten; er mag paradox sein, verwirrend, und im Gegensatz zu unserer Konditionierung stehen, aber er muss in dieser Welt hier gelebt werden, muss Teil des Alltags sein.

Auf dieser besonderen Stufe der Evolution der Menschheit kommt der Gewöhnlichkeit, der Normalität des Lebens eine neue Bedeutung zu. In der Ära, die jetzt anbricht, wird sie die Numinosität der Seele auf eine neue Weise widerspiegeln können. Doch um dem Leben die Möglichkeit zu geben, die Fülle und die ewige Natur der Seele zu reflektieren, müssen wir sowohl persönliche wie auch kollektive Muster ablegen, die uns vom Gewöhnlichen, vom Normalen entfernen. Es ist notwendig, dass wir lernen, zwischen einer Disneyland-Phantasie vom spirituellen Leben voller Achterbahn-Fahrten und Zuckerwatte und der wahren Weise, wie Er sich Selbst offenbart, zu unterscheiden.

UNTERSCHEIDEN LERNEN

Wir können es nicht vermeiden, Illusionen vom Pfad zu haben. Die Kraft unseres Sehnens und unseres Wunsches nach Wahrheit benutzt unsere Imagination, um uns in eine tiefere Erfahrung hineinzuziehen, so wie die Energie körperlichen Verlangens sexuelle Bilder erschafft, damit wir angezogen werden. Die Vorstellung erzeugt spirituelle Phantasien, die wir später mit der Wirklichkeit unserer Erfahrung abstimmen müssen, so wie es erforderlich ist, Verliebtsein und echte Beziehung in Einklang zu bringen. Doch diese Phantasien sprengen Grenzen in uns. Tatsächlich ist die Energie der Sexualität Teil derselben Kundalini-Kraft, die uns zur Wirklichkeit treibt. Gewisse spirituelle und sexuelle Phantasien haben eine ähnliche Qualität von Liebe und Seligkeit, von Entzückung und Fortgerissenwerden. Wir können der Macht der Vorstellungskraft nicht entkommen, die eine namenlose Sehnsucht nimmt und Bilder ihrer Erfüllung schafft. Wir brauchen diese Sehnsucht, damit wir aus uns selbst herausgeholt und in den größeren Ozean der wahren Liebe genommen werden. Die Illusionen, die die Imagination aus dem Sehnen heraus kreiert, können das Lockmittel sein. Ibn al-Fârid drückt das so aus:

Denn in der Illusion schläfrigem Geträum’
führt Geisterschatten
dich zu dem,
was durch den Wandschirm schimmert.

Wir projizieren unser Sehnen nach dem Unkennbaren mit Hilfe unserer Imagination. Wir schaffen Bilder, die uns zu der Reise verführen können. Die Gefahr entsteht, wenn wir die Bilder für das wahre Ziel halten, wenn wir das, was relativ ist, als das Absolute nehmen. Dann verfangen wir uns in unseren Phantasien, statt über sie hinaus zur wahren Quelle, dem innersten Sehnen des Herzens, geführt zu werden.

Am Anfang erkennen wir die wahren Qualitäten des Pfades noch nicht. Wir wissen noch nicht, was wir fördern oder anstreben sollten und was Illusion ist. Wir können nicht zwischen den Bildkräften, die uns tiefer in das Liebesabenteuer unseres Herzens ziehen, und den Tricks des Egos, das uns auflauert, unterscheiden. So leicht werden wir von den subtilen Trugbildern des Egos und unseres Verstandes hereingelegt. Das Unbewusste, das sich mit dem Ego verbünden kann, hat auch seine machtvollen und verführerischen Methoden, uns davon abzubringen, bewusster zu werden, und uns weiterhin in dem Bann und den Mustern der Abhängigkeit zu halten. Das ist einer der Gründe, warum es notwendig ist, einen Lehrer zu haben, damit uns aus dem selbstgeschaffenen Labyrinth herausgeholfen wird. Nach und nach entwickeln wir unsere eigene Unterscheidungsfähigkeit; wir lernen, zwischen den Stimmen des Egos und des wahren Selbst zu unterscheiden. Aber zu Anfang lassen wir uns naiv von den vielen Illusionen des Egos und von den vielen falschen Bildern vom Pfad täuschen. Uns ist nicht klar, wie leicht sich das Ego als unsere spirituelle Natur verkleiden kann und uns immer wieder austrickst.

Wir können Hilfsmittel entwickeln, die uns darin unterstützen zu unterscheiden und unter die Oberfläche dieser Bilder vom Pfad zu schauen. Zum Beispiel können wir uns fragen: Hilft mir das wirklich, etwas zu erlangen oder etwas loszuwerden, oder ist es nur, damit ich mich gut fühle? Wer ist es wirklich, der das will? Passt das nur zu meinen psychologischen Mustern, meinen Abwehrmechanismen, oder führt mich das über meine Grenzen hinaus, macht es mich freier, vielleicht auch verletzlicher, hilft es mir, vollständiger mitzuwirken? Oft ist es nützlich, zwischen einer Notwendigkeit und einem Wunsch zu unterscheiden. Ist das etwas, das ich brauche—entweder für mein Leben oder für den Pfad—oder gehört es zu der Wünsche erzeugenden Eigenschaft des Egos?

Leider gibt es keine festen Regeln; jeder von uns ist einzigartig, und der Pfad wird diese Einzigartigkeit widerspiegeln. Es gibt eine Zeit, wo es nötig ist zu kämpfen, um das zu erreichen, was wir wollen, und eine Zeit, wo wir jeden Wunsch loslassen müssen, eine Zeit, wo es angebracht ist, stark zu sein, und eine Zeit, wo es darum geht, diese Stärke aufzugeben. Manchmal ist das, was als spirituell erscheint, die größte Täuschung, während das, was wir vielleicht für eine weltliche Illusion halten, wie zum Beispiel die Sehnsucht nach einer erfolgreichen Karriere, uns unter Umständen hilft, das einzufordern, was zu unserer wahren Natur gehört. Manchmal ist sogar der Wunsch nach Ferien oder einem neuen Auto das, was wir tatsächlich benötigen. Vielleicht sind wir erschöpft, brauchen einen Tapetenwechsel oder können nicht immerzu Energie in ein Auto stecken, das ständig liegen bleibt. Simpler gesunder Menschenverstand ist oft unser bester Führer.

GEDULD

Schritt für Schritt nehmen der Pfad und der Lehrer uns unsere Illusionen und lassen uns mit uns selbst zurück, mit dem, was T.S. Eliot so bezeichnet:

Ein Zustand völliger Einfachheit,
Er kostet nicht mehr als alles.

Das Ego bleibt, denn wir können in dieser Welt nicht leicht ohne ein Ego, ohne irgendein Gefühl eines separaten „Ichs“ leben. Und mit dem Ego bleiben auch unser Bündel psychologischer Probleme, die Schwierigkeiten des Lebens, die Konflikte dieser Welt. Vielleicht dürfen wir einen kurzen Blick in eine andere Wirklichkeit werfen, wo diese Probleme nicht existieren, vielleicht erahnen wir die ewige Präsenz einer Dimension, wo es keinen Konflikt gibt, sondern nur allumfassenden Frieden und Liebe. Aber so wie wir in dieser Welt im physischen Körper mit seinen Beschwerden und Schmerzen bleiben, so bleiben wir auch mit einem unvollkommenen Ego. Die wirkliche Arbeit auf dem Pfad besteht darin, das Ego mit dieser größeren Wirklichkeit auszubalancieren, die in uns und überall um uns ist.

Der Pfad hilft uns, die Eigenschaften zu entwickeln, die wir für diese Arbeit brauchen, Eigenschaften, die uns die Kraft und das Mitgefühl geben, in einer Welt zu leben, die unvollkommen ist und in der Seine Gegenwart oft verborgen bleibt. Geduld, zusammen mit ähnlichen Eigenschaften wie Toleranz, Ausdauer, Beständigkeit, ist eine der wesentlichen Qualitäten, die es braucht, um die endlose Wüste des Pfades zu durchschreiten. Die Sufis betonen den Wert von Geduld; das Erlangen von Geduld, sabr, ist eine Stufe auf dem Sufi-Pfad. Die Stufe des sabr gehört zur spirituellen Reife, und wir brauchen sie für eine lange Reise, auf der wir die Lasten und Schwierigkeiten eines Lebens der scheinbaren Trennung ertragen müssen. Eine Geschichte, die Sarraj, ein Sufi-Meister aus dem 10. Jahrhundert, erzählt, veranschaulicht das als die schwierigste Anforderung an unsere Geduld, nämlich Seine Abwesenheit auszuhalten:

Ein Mann stand vor Shiblî (Allâhs Barmherzigkeit sei mit ihm)
Und sagte zu ihm:
„Welcher Akt der Geduld ist der schwierigste für jemand, der
geduldig ist?“
Shiblî antwortete:
„Geduld in Gott.“
„Nein“, sagte der Mann.
Shiblî sagte:
„Geduld für Gott.“
Der Mann sagte: „Nein.“
Shiblî meinte darauf: „Die Geduld mit Gott.“
„Nein“, sagte er.
Shiblî wurde zornig und sagte:
„Hol dich der Teufel, was denn dann?“
Der Mann sagte: „Geduld ohne Gott, den Höchst Erhabenen.“
Shiblî entfuhr ein Schrei, der ihm fast den Geist zerriss.

Sind wir bereit, diese endlosen Tage, Monate, sogar Jahre zu warten, wenn Er sich vor uns verhüllt? Sind wir bereit, auf dieser Wüstenwanderung von unseren Gebeten nicht abzulassen? Sind wir bereit, nichts für uns selbst zu wollen, in dem Wissen, dass Er nur zu uns kommen wird, wann Er es will? Oder bleiben wir in unseren Mustern der Bedürfnisbefriedigung gefangen und kennen nur unsere eigenen Wünsche, unsere Kontrollmechanismen?

Eine Freundin fand es schwer zu akzeptieren, dass es, obwohl sie einen Lehrer gefunden hatte und daran arbeitete, all die richtigen Haltungen zu entwickeln, trotzdem keine Garantie gab, dass Er sich ihr offenbaren würde, dass sich die Türen zur Vereinigung öffneten. Das Liebesabenteuer mit Gott ist etwas völlig anderes als einem Elternteil zu gefallen, wo korrektes Verhalten Liebe und Zuwendung zur Folge haben. Der Pfad hängt nicht von unseren Anstrengungen ab; Er nimmt uns auf Seine ganz eigene Weise zu Sich, so wie Er es will. Aber anzunehmen, dass wir so verletzlich und so abhängig von Einem Anderen sind, dass „Allâh zu Allâh führt, den Allâh will“, kann sehr schwierig sein, besonders für das westliche Bewusstsein mit seiner Konditionierung, individuelle Anstrengung über Hingabe zu stellen.

Auf dem Pfad müssen wir lernen, viele Jahre zu warten, Jahre, in denen wir nur unser Ego und seine Unzulänglichkeiten kennen. Das kann ein sehr schmerzhafter und uns prüfender Abschnitt unserer Reise sein, für den wir Geduld und Ausdauer brauchen. Manchmal ist es leichter, auf den Pfad und die Übungen ausgerichtet zu bleiben, wenn man deutlichen Herausforderungen in der inneren oder der äußeren Welt gegenübersteht. Die endlose Eintönigkeit von Tagen ohne Ihn, wenn es nur das normale Leben gibt, das scheinbar wenig spirituell ist, kann viel schwieriger sein. Aber gerade in dieser Zeit fallen viele unserer anfänglichen Illusionen weg, denn da ist dann kaum etwas im Außen und im Innen, was sie nähren könnte.

DIE WIRKLICHE ARBEIT

Die wirkliche Arbeit des Pfades besteht darin, fähig zu werden, die Energie und das höhere Bewusstsein des Selbst im Alltag zu leben. Anfangs stürmt das wahre Selbst mit seiner Energie der Selbstverwirklichung in unser normales Bewusstsein herein und bringt uns manchmal psychologisch durcheinander. Das Ego und der Verstand reagieren auf diesen Energiestrom, indem sie Illusionen erschaffen, oft ungeerdete Bilder vom spirituellen Leben. Allmählich hört das Ego auf, sich mit dieser neuen Energie aufzublasen. Der Pfad und die psychologische Arbeit—die Konfrontation mit dem Schatten und seine Integration und die Auseinandersetzung mit anderen inneren Mechanismen—sorgen für eine ausgeglichene Psyche, ein Gefäß für unser höheres Bewusstsein.

Die völlige Unterordnung des Egos unter das wahre Selbst braucht viele Jahre, und nicht jeder Suchende erreicht diesen Zustand. Besser gesagt: Es wird die Struktur des Egos verändert, so dass es lernt, neben dem Selbst zu existieren. Es bekämpft oder unterminiert nicht mehr ständig unsere wahre Natur, und es wird auch nicht mehr so stark von unbewussten Mustern beeinflusst. Es hört auf, ein autonomes Bewusstseinszentrum zu sein, sondern beginnt ein Leben des Dienens in Bezug auf das höhere Selbst zu führen. Wir lernen zu lauschen, zu unterscheiden und uns von dem leiten zu lassen, was wirklich ist. Das Ego verändert sich auch subtil, indem es mit dem Licht des Selbst durchdrungen wird. Dadurch wird es durchlässiger und bekommt die Fähigkeit, unser höheres Bewusstsein weiterzuleiten statt es zu verdecken.

Der Verstand passt sich ebenfalls einem höheren Bewusstseinszentrum an. Die Sufi-Arbeit „den Verstand ins Herz zu hämmern“ beschreibt den Prozess, bei dem der Verstand lernt, mit unserem höheren Bewusstsein innerhalb des Herzens zu arbeiten. Zum Beispiel wird der Verstand aufmerksam für die Hinweise von dort, statt sie abzulehnen. Indem uns rationale Gedankenmuster nicht mehr so stark beherrschen, werden wir empfänglicher für die Intuition. Wahre Intuition folgt keinem linearen Denkprozess, sondern kommt vom höheren, vom wahren Selbst, wo alles Wissen in einem Zustand der Einheit vorhanden ist. Spirituelle Traumarbeit unterstützt diese Schulung, da sie Aufmerksamkeit für die Bilder und Botschaften lehrt, die von jenseits des niederen Verstandes stammen. Indem wir lernen, diesen Träumen zu lauschen, bewegen wir uns aus den Beschränkungen des Egos und des rationalen Verstandes heraus.

Auch unser physischer Körper und unsere Instinktnatur verändern sich, indem sie ebenfalls von dem Licht des erwachten Selbst durchdrungen werden. Manchmal braucht es Prozesse der Reinigung, Umstellung in der Ernährung oder ein Verändern von Gewohnheiten. Zum Beispiel ist es wichtig, sich nicht wahllos Sex hinzugeben, öfter als gelegentlich Alkohol zu trinken oder Bars zu frequentieren. Aber zuviel der Reinigung—wie zum Beispiel exzessives Fasten oder auch zuviel Meditation—kann ebenfalls ein Hindernis sein, weil wir dadurch unter Umständen zu empfindsam werden, um voll in der dichten materiellen Welt der jetzigen Zeit mitzuwirken. Spirituelle Reife heißt zu lernen, ein ausgeglichenes Leben zu führen.

Hoffentlich haben wir die Lebenserfahrungen und lernen die äußeren Fähigkeiten, die das wahre Selbst braucht, um sich in der Welt zu manifestieren: Wir lernen so unser weltliches Handwerk. Wenn das Selbst zum Beispiel am besten auf dem Feld der Psychologie dienen kann, studieren wir dieses Fach und bilden uns darin aus. Braucht unser Selbst es, dass wir in der Wirtschaft arbeiten, dann müssen wir vielleicht einen MBA-Abschluss (Master of Business and Administration) oder eine entsprechende Lehre in einem Unternehmen machen. Das Selbst braucht kein Vehikel voller spiritueller Phantasien, sondern eine in einer praktischen Disziplin geerdete Ausdrucksform, die es nutzen kann, sei es nun Banker, Musiker oder Therapeut. Es ist ein Missverständnis, dass es, um sein spirituelles Schicksal zu erfüllen, einer Form bedarf, die „spirituell“ ist. Das Selbst lässt sich nicht von unseren Vorstellungen, was spirituell ist, begrenzen. Es schließt das ganze Leben ein und bringt uns zu dem für unsere höhere Natur geeigneten Ausdrucksmittel.

Mitten im Leben verändert sich unser Ego, ja, unsere ganze Natur, und wird subtil von der Präsenz des wahren Selbst durchdrungen, und zwar mit einer Energie, die nicht voller Ansprüche und Wünsche ist, sondern von einer völlig anderen Qualität. Zu Beginn erkennen wir wahrscheinlich dieses Andere noch nicht, weil es so einfach und selbstverständlich ist. Das ist unsere wahre Natur, die in jedem Augenblick lebendig ist. Oft sind es andere, die unsere Veränderungen zuerst bemerken. Sie sehen vielleicht, dass wir mit uns mehr in Frieden sind, dass uns Konflikte oder negative Gefühle nicht mehr so stark besetzen. Das geschieht so allmählich, dass es eine Weile dauern kann, bis wir überhaupt erkennen, dass etwas Grundlegendes anders geworden ist. So viele Erwartungen vom Pfad sind abgefallen. Andere mussten wir auf schmerzvolle Weise aufgeben. Und dann wird der wahre Pfad in uns lebendig: Wir haben ein Gefühl dafür entwickelt, wer wir wirklich sind, ein Gefühl, das nicht mehr auf dem Ego mit seinen Ängsten und Unsicherheiten basiert, sondern auf tieferen, echteren Qualitäten.

Manchmal vermissen wir vielleicht den Sturm und Drang der ersten Jahre, die Intensität und Erregung des Erwachens, die Träume von spirituellen Zuständen. Und was finden wir, nachdem wir so viele Illusionen verloren haben? Es ist an jeder und jedem von uns, zu entdecken, was uns gegeben worden ist, was in uns wirklich ist, und zu erkennen, „wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen“.

JENSEITS DES EGO

Durch die Gnade des Pfades und unsere eigenen Anstrengungen schaffen wir ein Gefäß, das uns ermöglicht, in Verbindung mit unserem höheren Selbst zu leben. Das Ego und das Selbst kommen ins Gleichgewicht. Auch wenn wir vielleicht noch immer einige innere Hindernisse haben, Widerstände, die wir im Auge behalten müssen, leben wir doch eher das Leben der Seele als nur das unseres Egos. Wir haben die Begrenzungen des Lebens akzeptiert und wissen, dass wahres Dienen heißt, auf das zu antworten, was der Augenblick von uns verlangt, und nicht irgendein zusammenphantasiertes spirituelles Schicksal leben zu wollen. Wir haben unsere Träume von Erleuchtung aufgegeben, damit wir im Alltag Fuß fassen. Vielleicht haben wir in der Meditation oder mitten im Leben gelegentlich kurze Einblicke in eine andere Wirklichkeit, erfahren ein Gefühl überwältigenden Friedens oder einer tiefen Freude, die plötzlich da ist. Gelegentlich wird unser Herz von einer unerklärlichen Süße erfüllt; wir sehen die Liebe, die in jedem Blatt an jedem Baum ist. Doch dann senken sich wieder die Schleier herab, und wir sind zurück in der Welt des Egos.

Ist das die ganze Reise? Als Dhu’l Nun fragte: „Was ist das Ende der Liebe“ wurde ihm gesagt: „O Einfältiger, Liebe hat kein Ende, denn der Geliebte hat kein Ende.“ Die Zustände der Liebe verändern sich fortwährend. Wenn wir endlich die Normalität des Pfades akzeptiert haben, lacht Er manchmal und verwirrt uns, indem Er unsere Welt auf den Kopf stellt, und sich uns plötzlich Seine Größe und Seine Herrlichkeit erschließen. Wieder einmal ist dann unser Bild vom Pfad zerstört, und wir werden über uns selbst hinausgeworfen. Und wieder einmal erkennen wir, dass ein noch größeres Maß an Hingabe und Nicht-Wissen verlangt wird. Eine Freundin beschreibt, wie ihr das widerfahren ist:

In einem Traum wurde mir gesagt, dass ich mich nun auf meinen Tod vorbereiten müsse. Völlig nüchtern, und in mir war keine Reaktion. Es war einfach nur das, was es war, und als ich mich an den Traum erinnerte, war das immer noch wie ein nüchterner Gedanke.

Dann hatte ich ein paar Tage später eine Erfahrung, in der mir gesagt wurde: „Du wirst bald sterben. Stell dich darauf ein.“ Wieder war da keine Reaktion, kein Gefühl. Ich nahm das ernst. Ich dachte, ich muss einige Dinge regeln, damit ich nicht zuviel Chaos hinterlasse. Ich muss Sachen ordnen, Papiere … rasch. Es war so, als würde ich auf eine Reise geschickt, die einfach gemacht werden musste, weil es da etwas zu tun gab.

Aber am nächsten Tag hatte ich diese Erfahrung. Ich bewegte mich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch den Weltraum. Extrem schnell. Wer war „ich“? „Ich“ war nicht, vielmehr eine Energie oder eine Art Bewusstsein, an dem ich teilhatte. Ich bewegte mich auf eine schwarze Sonne zu, die derart intensiv strahlte. Sie war das Innerste, das absolute Zentrum, und sie zog mich einfach zu sich. Ich merkte, dass das Tempo, mit dem ich vorwärts gezogen wurde, durch die Intensität dieses Sogs entstand. Ich kam näher und näher, und ich begann mich aufzulösen. Da war nur noch diese endlose Süße einer schwerelosen „Schwäche“, und dann löste sich auch dieses Empfinden auf, alles löste sich auf. Aber—und ich weiß nicht, wie das geschehen konnte—im selben Augenblick wurde „ich“ zerbrochen, zersprengt, und explodierte in abertausende von Stücken. Ich wurde so etwas wie ohnmächtig, verlor das Bewusstsein und fand dann „mich“—dieses Bewusstsein, das ich fühlen konnte—, überall. Wirklich überall, in jedem Tropfen des Meeres, in jedem menschlichen Gesicht, in den Steinen und in den Sternen.

Ich war erschüttert. Auch körperlich. Die folgenden Tage erlebte ich mich zitternd. Ich fühlte mich sehr schwindlig, konnte kaum das Gleichgewicht halten. Ich musste mich beim Einkaufen von Lebensmitteln an der Theke festhalten. Tagelang drehte sich alles um mich herum. Und es geht nicht nur ums körperliche Gleichgewicht. Ich werde zwischen extremen Gefühlszuständen von totaler Verletzlichkeit hin und her geworfen—da ist dieser unglaubliche Schmerz und dann das ekstatische Gefühl der Freude, von Heimkehren, von Freiheit … Manchmal denke ich, jetzt bin ich endgültig verrückt geworden, ich werde wahnsinnig. Aber da ist nichts, was das ändern will. Wie in der Erfahrung fühle ich mich gezogen und gezogen, und genau dorthin will ich auch gehen.

Es ist unmöglich, über das, was ich erfahren habe, nachzudenken, es mit dem Verstand zu begreifen—ich habe es versucht, um zu verstehen, was nicht zu verstehen ist—diese alles-zerbrechende Sache, dass in der Tiefe von Vereinigung, von Einheit, von letztlich nichts, sich das ereignete, dieses Zersprengen in Stücke, das Nichts, das in die Schöpfung explodiert—das ist solch ein Schock …

Alles scheint verändert zu sein. Die ganze Existenz ist etwas so Dünnes, solch ein dünner Schleier, ähnlich wie dieser physische Körper, den ich als so fragil wahrnehme … Ich weiß nicht, weshalb ich versuche, das aufzuschreiben—wie auch immer ich es in Worte fasse, es stimmt doch nicht wirklich.

Das ist keine spirituelle Phantasie, sondern eine wirkliche Erfahrung, die einen ohne Boden unter den Füßen zurücklässt. Alles, was bis dahin galt, jegliches Ich-Gefühl, jegliche Stabilität, ist in einem Augenblick zerstört worden. Ohne all die Jahre der Vorbereitung, ohne dass man gelernt hätte, geerdet zu sein, ohne dass das feine, aber starke Gefäß herangebildet worden wäre, würde man völlig verrückt werden. Dann könnte diese Erfahrung nicht gelebt werden, sondern würde einen völlig aus der Bahn werfen und weit über die Sterne hinaus schleudern, ohne die Möglichkeit, je wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden. Diese Freundin hat eine Familie, hat Kinder, die ihre Aufmerksamkeit brauchen. Sie kann sich nicht einfach in eine Höhle zurückziehen und dort, versunken im Nicht-Sein, in der Seligkeit der völligen Auflösung, sitzen. Sie muss jeden Morgen aufstehen, die Kinder zur Schule fahren, das Mittagessen kochen und ihnen bei den Hausaufgaben helfen.

Der Pfad bereitet einen auf solch eine Erfahrung vor, die kommt, wenn man sie am wenigsten erwartet. Wenn der Lehrer oder einer der Vorfahren auf dem Pfad weiß, dass du so weit bist, dass du es aushalten kannst, wirst du völlig aus dem Ego herausgeholt und zum wahren Zentrum und darüber hinaus gezogen. Ist das Tod oder Leben? Du kommst geblendet und nicht wissend zurück. Aber etwas hat sich grundlegend verändert. Das dunkle Innerste des Nicht-Seins, die „schwarze Sonne“ hat dich absorbiert. Das Ich als Bewusstseinszentrum ist für immer zerstört worden, und du erkennst die Zerbrechlichkeit seiner Existenz, des Lebens überhaupt, wie du es bisher gekannt hast.

Ist das das Ende oder der Anfang? Dies sind nur Worte. Zu sein, wo man nicht ist, bleibt eine paradoxe Erklärung, bis man es gelebt hat, und dann macht es völlig Sinn. Und dennoch kehrt man zum „alltäglichen Leben“ zurück, und obwohl sich das Ich verändert hat, bleibt es. Spirituelle Reife heißt, als Mystiker in der Welt zu sein, voll verantwortlich für unseren Alltag, auch wenn man weiß, dass die Welt eine zerbrechliche Illusion ist. Und in den inneren Welten fließen andere Ströme, machtvolle Kräfte, die von jenseits der Sterne kommen. Manchmal bringen diese Ströme süße Düfte, manchmal sind sie kalt und trostlos und heulen durch einen hindurch. Dort gibt es ungeheure Dunkelheiten und Ozeane des Lichts. Doch wir sind geschult worden, zentriert zu bleiben und uns an dem dünnen Faden festzuhalten, der zwischen den Welten hängt. Al-Kharaqânî, ein Meister aus dem 11. Jahrhundert, wurde gefragt:

„Wer ist die geeignete Person über fanâ’ (Auflösung) und baqâ’(Verweilen in Gott) zu sprechen?“ Er antwortete: „Das ist Kenntnis für einen, der an einem Seidenfaden von den Himmeln herab zur Erde hängt, wenn ein riesiger Wirbelsturm kommt und alle Bäume, Häuser und Berge fortreißt und ins Meer wirft, bis das Meer gefüllt ist. Wenn dieser Wirbelsturm es nicht schafft, ihn, der an dem Seidenfaden hängt, zu bewegen, dann ist er fähig, über fanâ’ und baqâ’ zu sprechen.