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Der Liebesbund Buch Cover

Der Liebesbund: Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Weges
von Llewellyn Vaughan-Lee

Das Folgende ist ein Auszug aus dem Buch.

Beschreibung

 

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Die Schattenseite des Spirituellen Lebens

Das, wovon wir sprechen, kann man durch Suchen nicht finden,
doch nur die Suchenden finden es.
— Abû Yazîd 'l-Bistâmî


ES GIBT KEINEN GOTT AUßER GOTT

Die Sufis glauben an die Einheit des Seins, weil es nichts anderes gibt als Gott. Diese letzte Wahrheit kommt im shahada zum Ausdruck, wo es heißt "La ilaha illa 'llah" ("Es gibt keinen Gott außer Gott"). In der Tiefe des Herzens wissen wir darum, denn dies ist der geheime Vertrag zwischen dem Schöpfer und Seiner Schöpfung. Wir wissen, daß wir nichts anderes sind als Gott. Das Ziel eines jeden mystischen Pfades ist es, zu diesem ursprünglichen Wissen zurückzukehren, zu wissen, was wir wußten, bevor wir die Trennung von Gott erfuhren.(1)

Diese Wahrheit liegt wie ein Embryo in uns verborgen. Sie ist die Essenz des Bewußtseins. Unserem gewöhnlichen Verständnis nach ist Bewußtsein zwangsläufig mit Dualität verbunden, mit der Trennung von Subjekt und Objekt. Ohne Unterscheidung gibt es kein Bewußtsein. Alles, was geschaffen wurde, ist verschieden und individuell; kein Blatt gleicht dem anderen. Doch der Mystiker weiß, daß das Bewußtsein eine weitere Dimension hat, in der man von Dingen nicht deshalb weiß, weil sie getrennt sind, sondern weil sie eines sind: "In unserem Spiegelsaal erscheint die Landkarte eines Antlitzes."(2) Das Erkennen der Einheit innerhalb der Vielheit ist das Erkennen des Schöpfers, der sich in der Schöpfung verkörpert. Das ist der wahre Sinn und Zweck des Bewußtseins, wie es im Koran, Sure 7/171 heißt: "Vor der Schöpfung rief Gott die zukünftige Menschheit aus den Lenden des noch nicht geschaffenen Adam und redete sie an: 'Bin ich nicht euer Herr?' ( alastu bi-rabbikum) und sie antworteten: 'Ja wir bezeugen es' ( bala shahidna)."(3) Der Zeuge (shahid), jener, der Gott in allem sieht.

Um diesen Bewußtseinszustand zu verwirklichen, müssen wir ihn paradoxerweise verlieren. Wir müssen das Getrenntsein von Gott erfahren, um zu erkennen, daß wir nie von Gott getrennt waren. Der Mystiker tritt mit dem einzigen Ziel in diese Welt, diesen Zustand der Einheit wiederzuentdecken und ihn zu leben. Indem er geboren wird, unterzieht er sich dem Schmerz des Getrenntseins, damit er Gott vollständiger erkennt - damit er Gott so erkennt, wie Er Sich Selbst in Seiner Schöpfung offenbart hat. In Seiner Schöpfung hat Gott Seine ewige Majestät und Seine ewige Schönheit zur Darstellung gebracht und es so ermöglicht, daß Er umfassender erkannt werden kann. Im Innersten Seiner Schöpfung gibt es einen zutiefst geheimen Aspekt Seiner Selbst. Es ist das Ziel des Mystikers, dieses Geheimnis zu entdecken und es wiederum dem Geliebten zum Geschenk zu machen. Dieses Geheimnis läßt sich nicht in Worten vermitteln; es ist in dem gesamten Mysterium der Reise des Mystikers zurück zu Ihm enthalten.

Zur Reise von Gott zurück zu Gott gehört der leidensvolle Prozeß der Trennung. Wenn wir diese Welt betreten, verlassen wir den Zustand der ungeschaffenen Einheit und werden vom Vergessen überwältigt. Indem wir geboren werden, überlassen wir uns diesem Unwissen, dieser Trennung von dem direkten Wissen um Gott. Doch zugleich tragen wir die tiefe Bindung des Liebenden an den Geliebten in uns: "Im Erinnern an den Geliebten zechten wir mit einem edlen Tropfen, der uns trunken machte vor der Erschaffung des Weines."(4) Diese Bindung zeigt sich als Seufzer der Seele, als Sehnsucht, die nicht allein nur den Schmerz des Getrenntseins enthält, sondern auch das Wissen um Ihn, von dem wir getrennt sind. Ohne dieses Wissen gäbe es keinen Schmerz. Im innersten Kern der Sehnsucht liegt das Wissen, daß es keine Trennung gibt, daß der Liebende und der Geliebte immer vereint sind. Es ist ein Paradox, das im Herzen des Suchenden brennt: Wir sind vereint und dennoch getrennt; es gibt nur Einheit, und dennoch sind wir in Dualität gefangen. Es ist dasselbe wie das Paradox, daß Bewußtsein Trennung erfordert, die höchste Form des Bewußtseins jedoch den Inhalt hat, daß es keine Trennung gibt.

Jene, die sich auf die leidvolle Reise heimwärts begeben, tun das deshalb, weil sie dieses Heim nicht völlig vergessen haben. Als sie in diese Welt kamen, bewahrten sie einen Teil des Bewußtseins der Verbindung. Das ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Es ist ein Segen, weil es verhindert, daß wir völlig von den Dingen dieser Welt überflutet werden und uns in den Verführungen der Maya verlieren. Wie sehr wir auch in die Angelegenheiten unserer äußeren Welt verstrickt sein mögen—es bleibt doch immer ein Gefühl, daß dies nicht alles ist, daß etwas Wichtigeres auf uns wartet. Doch es erweist sich auch als Fluch, denn es gibt uns das Gefühl, daß wir nicht hierher passen, daß wir immer Fremde sind in dieser Welt. Oft kennen wir den Grund nicht, der uns so fühlen läßt. Wir wissen nicht, daß wir im Inneren dem Geliebten so nahe sind, daß Er uns nicht erlaubt, Ihn zu vergessen. Wir denken, es sei unser Fehler oder unser Versagen, daß wir etwas anderes wollen, als die Welt uns zu bieten hat. Es kann besonders schmerzhaft sein, wenn wir Eltern haben, die dieses tiefe Bedürfnis nicht verstehen können und vielleicht sogar eifersüchtig sind, weil sie unsere innere Verbindung mit etwas erahnen, das sich ihrem Zugriff entzieht.

Eine Freundin wartete, bis sie über vierzig war, bevor sie die Verbindung mit einer inneren Nähe wiederaufnahm, die sie als Kind erlebt hatte. Dann träumte sie einen langen komplizierten psychologischen Traum, an dessen Ende sie eine Figur in einer Tür stehen sah. Als sie den Traum bearbeitete, erkannte sie, daß diese Figur ihre "erste Liebe" war. Zuerst brachte sie ihren Vater mit dieser ersten Liebe in Verbindung, doch dann erkannte sie, daß nicht er es war, sondern ihre Beziehung zu Gott. Als Kind hatte sie eine sehr direkte Beziehung zu Gott. Als Kind hatte sie eine sehr direkte Beziehung zum Geliebten. Doch ihr Vater, der ihre Liebe für sich haben wollte, spürte diese tiefe Liebe, wurde eifersüchtig und veranlaßte so die Tochter, sie zu unterdrücken. Viele leidensvolle Jahre lebte sie getrennt von der einen Beziehung, die wirklich Bedeutung für sie hatte. Doch dann erwachte ihre erste Liebe; sie stand in der Tür und rief sie still zurück in sich selbst. Er hatte immer dort gewartet. Er hatte darauf gewartet, daß sie sich zurückwenden würde zu der Freude und dem Schmerz, die das Versprechen der Liebe darstellen:

In der Minute, in der ich meine erste Liebesgeschichte hörte, begann ich, nach Dir Ausschau zu halten, nicht wissend, wie blind das war.
Es ist nicht so, daß Liebende sich endlich irgendwo begegnen. Sie sind immer schon einer im anderen.(5)

In einem anderen Fall war es die Mutter, die eine Frau aus meiner Nähe dazu brachte, ihre Spiritualität zu leugnen. Sie fühlte sich bedroht vom Wissen der Tochter um ihre innere Weichheit, die ihr selbst nicht zugänglich war, und deshalb bekämpfte sie die innere Beziehung ihrer Tochter. Von Verzweiflung in die Depression getrieben, versuchte die Tochter, ihre Spiritualität aufzugeben, um ein normales, gesellschaftlich akzeptables Leben zu füren. Ein paar Jahre lang schien dies möglich zu sein, doch unterschwellig wurde das Leben für sie immer sinnloser. Es wurde so leer, daß sie an die Grenze gelangte; sie wäre gestorben, wenn sie sich nicht ihrer inneren Vision überlassen hätte. Für jene, die den Fluch der Erinnerung in sich tragen, ist das spirituelle Leben keine Sache der Entscheidung, sondern vielmehr ein tiefes und schmerzhaftes Bedürfnis. Es ist eine offene Wunde, die nur der Geliebte heilen kann.

Die Erinnerung an das, was jenseits von allem liegt, ist wie ein Sandkorn in einer Auster, um das sich die Perle bildet. Sie bewirkt eine schmerzhafte Reibung zwischen der äußeren und der inneren Welt. Je stärker die Erinnerung, desto stärker ist die Reibung.